Fr., 25.05.12

Schwul in der Türkei 10.09.2009 Warum Ahmed Yildiz ermordet wurde

Ibo Canibo ahmed 3.jpg (Foto)
Ahmed Yildiz und Ibo Can. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Im Oktober 2007 hatte Ahmed Yildiz seinen Eltern gesagt, dass er Männer liebt. Dass er es aussprach war schlimmer, als dass er schwul war. Am 15. Juli 2008 wurde Ahmed erschossen, vermutlich von seinem Vater.

Vor seiner Wohnungstür in Mersin, im Süden Anatoliens, geschah der Mord. Ahmed war 26 Jahre alt und wollte Physiklehrer werden. Der Vater ist verschwunden, man nimmt an, in den Irak.

Nicht nur seinen Eltern hatte sich Ahmed offenbart. Auch öffentlich, im Onlinemagazin Beargi, hatte er sein Coming Out, zwei Monate vor seinem Tod. Er gehört zu den Bears, den Bären, einer weltweiten schwulen Gruppierung, die ihren Männergeschmack teilen – bärige Männer eben: breit, behaart, bärtig.

So sieht auch Ibo Can aus, Ahmed Yildiz´ Lebensgefährte. Der 44-Jährige hat drei Viertel seines Lebens in Deutschland verbracht, lebt in Köln. Jetzt kämpft Can dafür, dass die Mörder seines Freundes verurteilt werden. «Er bekam Morddrohungen seitens seiner Familie. Wenn die Staatsanwaltschaft Üsküdar die Morddrohungen ernst genommen hätte, wäre Ahmet heute noch am Leben», sagt er vor dem ersten Verhandlungstag am 8. September in Istanbul vor der Presse. Jetzt ist Ibo Can zurück, hat Fotos mitgebracht und erzählt der deutschen Presse seine Eindrücke .

Es ist seine eigene Familie, die Ahmed unter Druck setzt, eine Therapie verlangt, ihn bedrängt. Von ihnen, vor allem von der Mutter, gingen auch die Morddrohungen aus, da ist sich Ibo Can sicher. Er glaubt deshalb auch nicht, dass der Vater, der eine Beinprothese trägt, den Mord allein begangen hat. Schließlich wurde sein Freund aus einem Auto, einem gelben Fiat, heraus erschossen.

Es gibt eine Zeugin. Sie wurde angeschossen, hat beobachtet, dass noch ein weiteres Auto die Straße blockierte. Die Nachbarin ist als Nebenklägerin am Prozess beteiligt. Die Schwulenorganisation Lambda, die ebenfalls in der Nebenklage präsent sein wollte, ist abgelehnt worden.

Lambda ist die älteste Schwulengruppe der Türkei, existiert in Istanbul seit 1993. Vor zwei Jahren wären sie fast verboten worden, doch durch den Druck der Medien schaffte sie es. Cihan Huroglu ist Lambda-Mitglied. Der 28-Jährige arbeitet für die Friedrich-Ebert-Stiftung mit Gewerkschaften und Vereinen in Istanbul, die sich für soziale Rechte engagieren.

Homosexuelle haben keine Rechte in der Türkei, sagt er. Seit sieben Jahren organisieren sie den Christopher Street Day in Istanbul, seitdem werde die Schwulenbewegung bekannter, sei es für die Homosexuellen besser geworden, sagt Huroglu. Er, der in der Türkei lebt, stellt die Situation weniger drastisch dar als Ibo Can. «Es gibt schon viele Orte, wo Schwule zusammentreffen können, auch Lesbenbars. Es kommen auch Touristen aus Europa in die Türkei, um etwas zu erleben. Aber wenn es zu Gewalt kommt, kann man nicht sicher sein, dass die Polizei etwas tut», äußert auch er sein Misstrauen gegen die Staatsgewalt.

Den Schwulenverein Lambda hat man zwar letztlich nicht verboten - «aber wir haben ein Problem mit der Formulierung der Entscheidung», sagt Cihan Huroglu. «Dort steht, dass es nicht gegen die allgemeine Moral verstoße, dass es Schwulenvereine gibt – solange sie nicht probieren, Nicht-Schwule auch dazu zu bringen. Dagegen haben wir protestiert.» Lambda leistet unersetzliche Arbeit. Der Treffpunkt in Istanbul steht allen offen, dort gibt es Gespräche, Beratung oder einfach nur Gesellschaft. Und über die Telefonhotline können verunsicherte Homosexuelle aus dem ganzen Land um Rat bitten. Denn nicht überall gibt es so aktive Schwulenverbände wie Lambda in Istanbul und Kaos GL in Ankara. Allerdings haben sich in den letzten Jahren auch in anderen Städten Vereine gegründet, die ähnliche Arbeit leisten.

Hassmorde wie der an Ahmed gibt es, immer wieder. An Transsexuellen und Homos. Cihan Huroglu nimmt an, dass man von vielen gar nichts erfährt. Der Diskurs ist die eine Seite der Vereinsarbeit, die andere ist der Kampf für die rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung. Jedes Jahr vergibt Lambda einen Antihomophobie-Preis. Die zweifelhafte Ehre der homophobsten Person des Jahres geht an einen Prominenten - «Das kann man in der Presse ablesen. Die Leute machen sich mehr Gedanken, und auch die Presse selbst verbessert langsam die Sprache», sagt Huroglu.

Was sie sagen, wenn sie um Rat gefragt werden? Möglichst viele Leute kennenlernen, die auch schwul und lesbisch sind. Sich zusammentun. Nicht mehr seltsam fühlen. Kleine Gruppen bilden. So hat Cihan Huroglu es auch gemacht. Das Internet kann dabei helfen. Inzwischen biete Lambda auch eine Familiengruppe an, wo auch die Angehörigen der Schwulen und Lesben teilnehmen. Unvorstellbar in der Familie von Ahmed Yildiz.

iwe/news.de
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