Fr., 25.05.12

Mord an Homosexuellem 10.09.2009 «Ich bin schwul, mein Freund wurde ermordet»

Ibo Can (Foto)
Ibo Can am Grab seines Freundes Ahmed Yildiz. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Ibo Can ist gerade aus Istanbul zurückgekommen. Dort wollte er eigentlich am Prozess um den Mord an seinem Partner Ahmed Yildiz teilnehmen. Aber man hat ihn nicht in den Gerichtssaal hineingelassen. Mit news.de spricht er über seine Erfahrungen.

Wie war es in Istanbul?

Can: Ich hatte schon einiges vorbereitet für den ersten Verhandlungstag. Ein Diplomat vom deutschen Konsulat war anwesend, Amnesty International war anwesend, und die Homosexuellenvereine aus Ankara und Istanbul, Kaos GL und Lambda waren mit da. Auch ein paar Freunde von mir und gemeinsame Freunde, um einfach nur Präsenz zu zeigen. Nationale und internationale Presse war da, und ich habe eine Presseerklärung auf Türkisch und Deutsch verlesen. Dann fing die Verhandlung an, und sie haben uns nicht reingelassen.

Warum nicht?

Can: Der Saal sei zu klein, aber da waren acht bis zehn Polizisten drin, die wären gar nicht nötig gewesen. Das Polizeiaufgebot war sehr groß. Schließlich haben sie gesagt, drei Leute dürfen rein, und ich habe entschieden, der Diplomat, Lambda, Kaos GL und die Schwester der Nebenklägerin gehen rein. Amnesty ist einfach so reingegangen.

Sie hatten eigentlich versucht, Lambda als Nebenkläger in die Verhandlung zu bekommen, um die Position der Schwulen zu vertreten. Hat das geklappt?

Can: Das Ersuchen wurde abgelehnt, der Richter hatte nichts dagegen, aber die Staatsanwaltschaft. Wir wollten die Position der Nebenklage stärken: Ahmed wurde ermordet, weil er offen schwul war. Die Nebenklägerin ist eine Frau, die angeschossen wurde, also selbst zu schaden kam. So war keine Schwulengruppe vertreten. Ich überlege jetzt, ob ich selbst im Nachhinein Antrag auf Nebenklage stelle, da bin ich zu spät drauf gekommen.

Was erwarten Sie von dem Verfahren?

Can: Die Staatsanwaltschaft hat im Vorfeld versagt, und jetzt geht von derselben Behörde die Anklage gegen den Vater aus. Wie kann ich mich denn auch die Staatsanwaltschaft verlassen? Sie haben sogar die Nebenklägerin eingeschüchtert, damit sie nicht als solche auftritt: Sie solle froh sein, dass sie keine Kugel in den Kopf bekommen hat und ihre Finger nicht im Dreck waschen. Ich habe auch der Presse gesagt: «Ich habe kein Vertrauen in die Gerichtsbarkeit, weil Homosexuelle gesetzlich nicht gleichgestellt sind.»

Homosexuelle haben keinerlei eigene Rechte in der Türkei?

Can: Sie verlieren ihre Wohnung, ihren Arbeitsplatz, wenn es rauskommt, dass sie schwul sind. Sie werden gefoltert und vergewaltigt, von den Behörden, vom Staat selbst.

Wie nimmt die Öffentlichkeit das Verfahren auf?

Can: Sie muss dieses Ding erstmal verarbeiten. Es ist ein Präzedenzfall, einmalig in der Geschichte der Türkei. Sie haben keinen Vergleich, wie sie damit umgehen können. Jetzt ist die Frage: Wie geht die Gesellschaft damit um, die Presse, die Gerichtsbarkeit. Die Presse ist darauf eingestellt, dass Künstler und Schauspieler immer unter Druck gesetzt wurden, auch der schwulste Sänger hat es nie zugegeben. Jetzt kommt ein Mann, mit dickem Bauch, Vollbart, Schnäuzer, und sagt: Ich bin schwul, mein Freund wurde ermordet, und ich kämpfe für Gerechtigkeit und gegen den Staat.

Die Gesellschaft steht also unter Schock?

Can: Ich will die Nation unter Schock stellen, man darf da die Finger nicht von lassen. Mein Freund war schwul, er ging offen damit um, und sein Vater hat ihn umgebracht. Er ist von den Menschen getötet worden, die er geliebt hat.

Sie leben seit 31 Jahren in Deutschland. Kennen Sie die türkische Gesellschaft?

Can: Ich kenne sie sehr gut. Sie ist verlogen und scheinheilig. Sexualität, egal ob Hetero- oder Homo-, ist ein Riesen-Tabuthema in der Türkei. Gleichgeschlechtlicher Geschlechtsverkehr unter Männern ist sehr verbreitet, aber keiner ist schwul. Man darf nie über Homosexualität reden, das ist unangebracht, man sollte sich schämen. Aber die Leute schämen sich nicht, sich einzumischen. Was gehen Sie meine vier Wände an?

Sie sprechen diese Dinge offen an.

Can: Man muss darüber reden, es muss zur Aussprache kommen. Man unterdrückt alles. Das versuche ich den Leuten klar zu machen: Ihr Mann könnte schwul sein, ihre Schwester lesbisch, ein einfacher Bauer, ein Bankier, Lehrer, Soldat oder sogar der Staatspräsident. Es gibt ein großes Problem mit dem Militär: Wer schwul ist und nicht zum Militär gehen will, muss sich einer Analuntersuchung unterwerfen und pornografische Aufnahmen vorlegen, wie er passiv Geschlechtsverkehr erfährt. Ich habe die Befürchtung, das türkische Militär hat das größte Schwulenpornoarchiv der Welt. Woher nehmen sie das Recht?

Was fordern Sie von der Politik?

Can: Der türkische Staat muss die Rechte der Schwulen garantieren, sexuelle Identität und Orientierung im Grundgesetz verankern. Es kann nicht hingenommen werden, dass Männer und Frauen umgebracht werden, und der Staat schaut zu oder er schaut weg. Das ist auch Mitschuld.

Denken Sie, das Verfahren hilft?

Can: Ja, klar. Die Gesellschaft muss sehen, dass jemand da ist, der dafür kämpft. Menschenrechtsorganisationen sind da, die Nebenklage. Die Staatsanwaltschaft darf sich keinen Fehler mehr leisten.

Ibrahim Can ist 44 Jahre alt und lebt in Deutschland, seit er elf ist. Er arbeitet als Reiseverkehrskaufmann in Köln und war nie ein Schwulenaktivist, bis sein Freund Ahmed Yildiz am 15. Juli 2008 vor seiner Wohnung im südanatolischen Mersin aus einem Auto heraus erschossen wird - von seinem Vater. Aber Can ist überzeugt, dass noch mehr Familienmitglieder an der Ermordung beteiligt waren.

iwe/news.de
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Jürgen Matuschewski
  • Kommentar 2
  • 22.12.2010 15:07
 

Ich kann nur sagen mir ist schleierhaft wie man als Vater so reagieren kann, gerade die Türken halten doch so grosse Stücke auf die Familie. Das habe ich immer begrüsst da ist zussammenhalt. Doch wenn man so etwas mitbekommt nur weil der Sohn schwul ist macht mich das doch baff. Natürlich ist das für ein vater der streng seinem Glauben nachkommt sicherlich nicht ganz einfach denoch das übersteigt meine Vorstellungskraft.Ich gebe Herr Can im vollem Umfang recht.

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  • Redaktion
  • Kommentar 1
  • 23.09.2009 10:38
 

Der Kommentar von Kürsat wurde wegen Verstoßes gegen unsere Netiquette gelöscht.

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