Von news.de-Mitarbeiterin Anwen Roberts
Fleisch ja, aber bitte ohne schlechtes Gewissen. Nur allzu gerne wird beim abstrakten Steak auf dem Teller das Leid der Kuh ausgeblendet. Der Vorschlag des Philosophen Adam Shriver, immerhin den Schmerz genetisch abzuklemmen, bewegt sich auf ethisch fraglichem Terrain.
Kellner: Wollen Sie einen Blick in die Speisekarte werfen, oder dürfte ich Ihnen das Gericht des Tages persönlich vorstellen?
Zaphod: Ist ja irre, der Braten kommt uns beraten.
Kuhähnliches Tier: Guten Abend, ich bin das Hauptgericht des Tages. Dürfte ich Ihnen ein paar Teile meines Körpers schmackhaft machen? Vielleicht etwas aus meiner Schulter? In Weißweinsoße geschmort? Auch das Schwanzstück ist sehr gut. Ich habe massenhaft Getreide gefressen, deshalb habe ich dort viel gutes Fleisch.
Trillian (flüstert): Meinst du, das Tier will wirklich, dass wir es essen?
Arthur (ruft): Das ist doch absolut grauenhaft, das Widerlichste, was ich je gehört habe! Ich will einfach kein Tier essen, das da steht und dazu einlädt, das ist herzlos.
Zaphod: Besser als ein Tier zu essen, das nicht gegessen werden will.
Arthur: Ich werde einfach… äh, ich glaube, ich nehme nur einen grünen Salat.
Dieser Dialog ist lose dem Fantasy-Kultepos Per Anhalter durch die Galaxis entnommen - womit Douglas Adams' Fantasie der Wirklichkeit dann doch wieder sehr nahe kommt. Denn Fleischkonsum ist eine Realität, die trotzdem beinahe mystische Elemente enthält. Das leblose Schnitzel ist ein Paradebeispiel für Freuds Konzept des Unheimlichen - ein Unbehagen, das aus der Kombination von Bekanntem und Verfremdetem entsteht. Eine angestaubte und doch plausible Erklärung dafür, warum die Verbindung von dem Steak auf dem Teller mit dem rehäugigen Wesen, von dem es stammt, nur allzu gern ausgeblendet wird.
Wenn das Tier dann zu sehr menschelt, Bulettenbratbetriebe ihre zukünftigen Buletten wie heiß geliebte Haustiere bewerben, das glückliche Comic-Schweinchen im Schaufenster des Fleischereifachgeschäfts «zum Fraße seiner eigenen Körperteile auffordert», wie sich der Blogger Spießer Alfons mokiert, sich Adams Kuh selbst darbietet, dann erst wird es richtig gruselig. Am Abgrund dieses Gruseltals, am Rande des sogenannten uncanny valley ist gerade noch das Grinsegesicht auf der Mortadellawurst zu ertragen.
Schließlich heißen es auch Fleischfresser normalerweise nicht gut, wenn ihr Fleisch vor der Fleischwerdung leidet. Doch die moderne Massentierhaltung zusammen mit dem weltweit steigenden Fleischbedarf, insgesamt, nicht unbedingt pro Kopf, zeugt von einer anderen Realität. Nutztiere leiden natürlich bisweilen extrem. Und das nicht erst auf dem Weg zur Schlachtbank. Zum Teil werden sie erst dann geschlachtet, wenn sie ohnehin schon «arbeitsunfähig erkrankt» sind, wie der Veterinärmediziner Jörg Luy, der einzige deutsche Professor für Tierethik und Leiter des Berliner Instituts für Tierschutz und Tierverhalten, schon seit Jahren argumentiert.
Hier will Adam Shriver Abhilfe schaffen: Kürzlich hat Shriver, Philosoph an der Washington University in Missouri, einen provokanten Artikel in der Zeitschrift Neuroethics veröffentlicht, in dem er dafür plädiert, das Leiden von Nutztieren mit technischen Mitteln zu begrenzen. Mit Hilfe der Gentechnik lasse sich das Schmerzempfinden durch Deaktivieren bestimmter Gene reduzieren oder sogar vollständig aufheben, so Shriver.
Das funktioniert in der Praxis schon heute - zumindest bei gentechnisch entsprechend manipulierten Mäusen. Er spricht sich für eine technische Lösung des Schmerz- und damit verbundenen Gewissensproblems aus – und hält es für unsere moralische Pflicht, derartige Schmerzabschaltung ernsthaft theoretisch zu erwägen und praktisch voranzubringen.
Bioethikern, wie etwa dem amerikanischen Pionier der Tierrechts-Bewegung, Peter Singer, muss ein solcher Vorstoß zwangsläufig gegen ihre philosophischen Überzeugungen gehen. Schließlich handelt es sich hierbei nicht um aufrichtigen Respekt vor dem Lebenswillen anderer Spezies. Auf dem Teller landen sie ja trotzdem. Vielmehr geht es um die Bereinigung des fortwährend schlechten Gewissens.
Shrivers Lösung, bei der man nach wie vor «Fleisch verzehren könnte, aber das Leiden der Tiere vermeiden», tönt sehr nach einer solchen moralischen Krücke. Und mit diesen Überlegungen ist das Leiden des Tieres auch schon wieder aus dem Fokus, das Unbehagen des Menschen daran aber wieder hinein gerückt. Oder, wie Adams sprechende Kuh sagen würde: «Ich eile sofort und erschieße mich. Keine Bange Sir, ich mach’s sehr human.»
kat/car/news.de