Notlügen auf dem Einkaufszettel
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Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Germany´s-Next-Topmodel Sara Nuru ist in Äthiopien. Im Heimatland ihrer Eltern setzt sich die Schöne für die Alphabetisierung der Bevölkerung ein. Die Hälfte der Menschen kann nicht lesen. Auch vier Millionen Deutsche sind Analphabeten.
Sein Nachname ist Lehrer, selbst ist er auch einer geworden. Doch bis dahin war es ein langer Weg, denn Karl Lehrer konnte bis er 30 Jahre alt war weder Lesen noch Schreiben. Der Ludwigshafener schlug sich mit Tricks durchs Leben. «Wenn ich ein Formular ausfüllen sollte, hab ich gesagt, ich hab die Brille vergessen oder mir tut die Hand weh», erinnert sich Lehrer in einem Interview an seine Notlügen.
Als Kind besucht Karl Lehrer die Sonderschule, Lesen und Schreiben werden dort nicht gefördert. Bis er 17 ist, mogelt er sich so durch, bekommt keinen Abschluss. «Ich hatte Stress in der Schule und Stress zuhause, das hat das Lernen noch schwerer gemacht», sagt er heute. Er verlässt die Schule, ohne wirklich lesen zu können. Seinen kleinen Rest Lesevermögen verliert er mit der Zeit.
Lehrer bekommt einen Job als Hilfsarbeiter, muss hier für die Kollegen in der Mittagspause einkaufen. Er tut so, als ob er einen Merkzettel schreibt und merkt sich die Aufträge. Bei Behörden helfen die Notlügen.
Was alles verändert, ist die Geburt seines Kindes. «Ich wusste, dass ich meinem Sohn bei den Hausaufgaben helfen muss, wenn er in die Schule kommt.» Und so geht Lehrer selbst wieder zur Schule und lernt Lesen und Schreiben.
Eigene Kinder, das ist einer der häufigsten Gründe für Menschen, doch noch Lesen und Schreiben zu lernen, weiß Jürgen Genuneit. Das Vorstands- und Gründungsmitglied des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung kennt viele Fälle wie den von Karl Lehrer. «Die Grundlagen fürs Lesen und Schreiben werden in den ersten zwei Klassen gelegt», sagt Genuneit im Gespräch mit news.de. Wer in dieser Zeit den Anschluss verliere und durch Lehrer und Familie nicht aufgefangen werde, könne zum Analphabeten werden. «Oft wissen die Kinder gar nicht, wozu man Lesen und Schreiben überhaupt braucht», kritisiert Genuneit, obwohl mit Computern oder auch Fahrkartenautomaten die Anforderungen ans Lesen komplexer geworden seien.
Ab wann jemand als Analphabet bezeichnet wird, dafür gibt es keine Norm. «Wer nicht in der Lage ist, eine Fernsehzeitung oder einen Stadtplan zu lesen oder ein Formular beim Arzt auszufüllen», gibt Genuneit eine grobe Einteilung.
Für Alphabetisierung setzen sich mittlerweile auch Vertreter der Wirtschaft ein. Besonders am Weltalphabetisierungstag, der von den Vereinten Nationen seit 43 Jahren jedes Jahr am 8. September begangen wird.
Im Hotel Concorde in Berlin versammeln sich in diesem Jahr Alphabetisierte, Lehrer und Wirtschaftsvertreter, um unter dem Motto «Alphabetisierung und Grundbildung im Kontext von Wirtschaft und Arbeit» zu diskutieren. Hoteldirektor Carsten D. Colmorgen, Botschafter des Bundesverbandes Alphabetisierung, liegt das besonders am Herzen. Er sammelt bei Soireés in seinem Hotel Spenden für die Vereinigung. «Außerdem liegen in allen unseren Zimmer Informationen über Analphabetismus», sagt er.
Selbst stößt er jedoch an unternehmerische Grenzen. Obwohl der Direktor des Luxushotels es gern würde, kann er keine Analphabeten einstellen. «In Verwaltung, Verkauf und Rezeption brauchen wir die bestqualifiziertesten Mitarbeiter. Da lassen sich Analphabeten nicht integrieren.» Ein Traum wäre es allerdings für ihn, auch Angestellte, die nicht lesen und schreiben können, bei ihrer Alphabetisierung zu unterstützen. In den französischen Hotels der Concorde-Kette sei das bereits möglich, sagt Colmorgen.
Analphabetismus als gesellschaftliches Problem ist im Westen Deutschlands Mitte der 1970er Jahre erkannt worden, die ersten Volkhochschulkurse halfen den Betroffenen beim Lernen. «Dennoch wachsen auch in Deutschland immer wieder Analphabeten nach», sagt Genuneit, der für seinen Einsatz gegen den Analphabetismus im Jahr 2000 das Bundesverdienstkreuz erhielt. Die offizielle Zahl von vier Millionen bleibt seit Jahren stabil. Weltweit kann sogar jede vierte Frau und jeder fünfte Mann nicht Lesen und Schreiben. «Wenige sind bereit, sich öffentlich zu outen. Nur 20.000 Menschen besuchen jährlich die Kurse der Volkshochschulen.»
So wie Karl Lehrer. Nachdem er selbst das Lesen und Schreiben lernte, lehrte er an der Volkshochschule in Ludwigshafen und leitet eine Selbsthilfegruppe für Analphabeten. Früher habe er nur gehört, was die Leute erzählten. «Jetzt kann man es auch nachlesen», sagt Lehrer. Und er kann seinem Sohn bei den Hausaufgaben helfen.
Über das Alfatelefon des Bundesverbandes kann sich jeder unter der Nummer 0251/ 53 33 44 Informationen zur Alphabetisierung einholen – auch anonym.
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