Von news.de-Redakteurin Andrea Schartner
Eine nebensächliche Alltäglichkeit. Um es mit einem Wort zu sagen: Es gibt Dinge, über die es sich lohnt - und wenn alle so denken, dann ist es meist schon zu spät. Denken Sie einmal genau darüber nach. Heute: das Kellerfenstersims.
Dinge wechseln ihre Besitzer auf verschiedene Art. Sie gehen verloren und werden gefunden oder werden gestohlen oder auf dem Flohmarkt verkauft oder über das Internet bestellt und dann in die weite Welt gesandt. Die Tauschbörse vor meiner Haustür ist ein Unikat, denn sie ist keine dieser vielen Möglichkeiten. Seit kurzem ist sie verwaist.
Aber der Reihe nach: Es war einmal ein Kellerfenster irgendwo in einem Mietshaus in Leipzig. Das war so staubig wie jedes andere Kellerfenster auch und ein Fenstersims zur Straße hin gehörte dazu, das war so schmutzig wie jedes andere Fenstersims zur Straße.
Jedoch der Schein trog. Das Fenstersims war in Wahrheit eine Austauschplattform. Eine Abholbörse für Dinge, kleine Alltäglichkeiten, keine Kostbarkeiten, viel Gebrauchtes. Regelmäßig wurde es neu bestückt: Kinderspielzeug, Gürtel, Bücher.
Und da war eine Mieterin, ich, die sich wunderte über die Vorgänge auf dem Kellerfenstersims. Die beobachtete: Kassetten-Tapes mit handschriftlichem Inhaltsverzeichnis. Die sich fragte, warum: ein Buch über Militärseelsorge. Die sich nicht traute selbst zuzugreifen: eine aufblasbare Gummifrau, originalverpackt, zum Glück. Die niemals Menschen sah, die gaben, und niemals Menschen die nahmen, immer nur leeres und volles Fenstersims und die doch so gerne wissen wollte wer. Sie suchte und fand nicht. Nur einmal vielleicht. Denn die Geschichte hat noch mehr Mitspieler.
Es waren einmal Mutter, Vater, Kind in einem Mietshaus in Leipzig im zweiten Stock, die in die weite Welt zogen, der Arbeit wegen. Sie gaben ein Fest zum Abschied für alle Mieter, auch für jene, die sie bis dahin nicht kannten und leider nun auch nicht mehr richtig kennen lernen würden, schade. Menschen sind schüchtern, zu ängstlich voreinander mitunter. Wie dem auch sei: Mit dem Fest machten sie auf ihren Wegzug aufmerksam. Und auf noch etwas: Der Austausch auf dem Fenstersims endete mit dem Umzug von Vater, Mutter, Kind. Fakt ist der zeitliche Zusammenhang. Bewiesen ist nichts.
Auf dem Sims liegt seit neuestem eine leere zerknüllte Plastiktüte. Vielleicht eine Mahnung, von jenen, die nahmen, die vielleicht sogar brauchten und die jetzt einsam zurückgelassen wurden vor einem leeren, schmutzigen Kellerfenster.
Es ist momentan eine Mieterin, ich, die nachdenkt, über Menschen, die vielleicht brauchen, über Dinge, die sie selbst entbehren könnte, und über die mögliche Zukunft eines Fenstersims, derzeit bestückt mit einer zerknüllten Plastiktüte, das vor kurzem noch so einzigartig war.
san/bjm/news.de
Sehr schön geschrieben " Hommage an das Kellersims "_____ Die Wahrheit ist die, das der Mensch immer nach Neuem, Besseren sucht und oftmals nicht merkt, das das Bessere gerade weggeworfen und der Müll, als wertvoll betrachtet wird. Der Mensch begreift, wenn überhaupt, erst dann, wenn zu spät........... ______ sehr schöner Text ,überlegenswert aber die Meisten haben keine Zeit und sehen nur das Jetzt und nicht das was war oder sein wird.......
jetzt antwortenKommentar meldenEin fenster ist halt nicht nur zum durchschauen da. Wer genau hinschaut, sieht auch ein wenig in die vergangenheit.
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