Fr., 25.05.12

Lehramtsstudium mit Bologna-Hürden 04.09.2009 «Man will Lehrer und legt ihnen Steine in den Weg»

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Christopher Hempel über das neue Lehramtsstudium: «Das Problem ist nicht die Bologna-Reform, sondern ihre Umsetzung.» Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann

Bildungsministerin Schavan will das Bachelor- und Master-System reformieren. Das ist in vielen Punkten gerade für das Lehramtsstudium nötig, meint der Lehramtsreferent des Leipziger Studentenrates, Christopher Hempel, im Gespräch mit news.de.

Herr Hempel, wie sieht das Lehrerstudium seit der Bologna-Reform aus?

Hempel: Beim Lehramtsstudium hat etwa die Hälfe der deutschen Hochschulen nicht auf das neue System umgestellt, sondern ist beim Staatsexamen geblieben. Das Problem: Bei den neuen Studiengänge sind die Modelle so unterschiedlich, dass der Wechsel an eine andere Uni nur in Ausnahmefällen möglich ist. Wer den Lehramtsbachelor an einer Uni beginnt, wird ihn dort auch beenden müssen. Doch nicht jeder bekommt danach einen Masterplatz. Das kollidiert mit der Forderung, das nur mit Masterabschluss gelehrt werden darf und mit dem politischen Willen, gegen den Lehrermangel zu wirken.

Ist das auch in Leipzig so?

Hempel: Anfangs herrschte die Vorstellungen, dass stark selektriert werden soll. Eine Note schlechter als 3 in einem Fach hätte quasi das Aus bedeutet. Das sorgte für einen großen Aufschrei, zumal die neu Immatrikulierten so beraten wurde, dass jeder einen Masterplatz bekommt. Für den ersten Jahrgang ist das auch so gelöst worden. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen.

Lässt sich anhand eines Bachelorabschlusses entscheiden, ob jemand ein guter Lehrer ist?

Hempel: Durch Noten auf keinen Fall. Mancher ist ein guter Pädagoge, auch ohne im Fachstudium brillant gewesen zu sein. Genauso schwer einzuschätzen ist, wer in Pädagogik gute Noten hat. Zumal die Notengebung sehr unterschiedlich ist. In Biologie eine 3 zu schreiben, ist etwas anderes als in Geschichte. Das ist schwer vergleichbar. Ich halte die Noteneinschätzung für schwierig, zumal es nicht zulässig ist, Masterplätze nur nach Note zu vergeben.

Was wäre besser?

Hempel: Erste Unterrichtsversuche zeigen, ob man geeignet ist. Aber das sind wenige Stunden, und es kann schief gehen, gerade wenn es die erste Stunde ist, die man hält.

Niedersachsen lässt niemanden zum Master zu, der schlechter als 2,5 ist. Was nutzt ein Lehramtsbachelor denen, die das nicht schaffen?

Hempel: Das ist unklar. Im Prinzip wirkt es wie ein Studienabbruch, nur mit Urkunde. Lehrmöglichkeiten sehe ich keine, aber derzeit lässt sich schwer eine Prognose abgeben, weil es noch nicht viele Lehramtsabsolventen mit Bachelor gibt.

Diese Pläne konterkarieren doch aber die Forderung der Kultusministerkonferenz, mehr Lehrer auszubilden.

Hempel: Richtig. Das Land braucht mehr Lehrer, legt ihnen auf dem Weg zum Master aber Steine in den Weg. Zudem sind die Studienabbrüche nicht weniger geworden. In Sachsen werden derzeit weniger Lehramtsstudenten ausgebildet, als vor der Reform. Gerade dort wo hoher Bedarf ist, etwa für das Grundschullehramt, ist die Befürchtung berechtigt, dass massiver Mangel bevorsteht. Besonders in den neuen Bundesländern.

Mangel bei Grundschullehrern? Bildungsexperten sagen etwas anderes, sprechen sogar von Überangebot...

Hempel: Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Für Sachsen ist die gymnasiale Auslastung gut und derzeit noch für Grundschulen. Doch der demografische Wandel schlägt langsam durch. Der Bedarf wird sich in den nächsten Jahren aufschaukeln. Zudem sind Grund- und Förderschullehramt unattraktiv geworden. Weil die Anforderung im Prinzip dieselben sind, die Leute aber schlechter bezahlt werden und weniger Anerkennung haben.

Die Anforderungen sind gleich. Wer an der Grundschule unterrichten will, studiert also wie künftige Gymnasiallehrer?

Hempel: Der Leipziger Bachelor nennt sich polyvalent. Quasi studieren alle gemeinsam und entscheiden sich erst im Master für eine bestimmte Schulform. Das ist zum Teil dadurch aufgeweicht, das für Lehrer an Förderschulen ein Kernfach durch Integrationspädagogik ersetzt wird. Der Nachteil für die sich Immatrikulierenden: Sie wollen Grundschullehrer werden, haben aber dieselben Veranstaltungen und Prüfungen wie jemand, der ans Gymnasium will, muss also höhere Mathematik studieren. Der Vorteil: Die Regelstudienzeit ist bei allen gleich.

Die Bologna-Reform brachte die Modularisierung der Studiengänge mit. Ist das für das Lehramt sinnvoll?

Hempel: Durchaus. Institute und Fakultäten sind gezwungen, sich Gedanken über ein Curriculum zu machen. Damit wird es, anders als bisher, transparent und offen für Kritik. Vielfacht macht man sich aber nicht die Mühe, sondern hat die neue Struktur übernommen und die alten Inhalte hineingepackt. Zudem wird jetzt jede Veranstaltung abgeprüft, was zu hohem Arbeitsaufwand führt. Die Studenten werden mit Prüfungen bombardiert und haben kaum Zeit, Inhalte zu reflektieren.

Vielfach wurde davon gesprochen, dass Lehrer zu Fachidioten aber nicht zum kompetenten Umgang mit schwierigen Kindern ausgebildet werden.

Hempel: Das hat sich aus meiner Sicht kaum verändert. Der bildungswissenschaftliche Anteil ist zwar stärker, doch bei uns macht er nur drei von 18 Modulen aus. Das ist wenig, und die Fachdidaktik, die das auffangen könnte, ist personell unterbesetzt.

Und wie sieht es mit der praktischen Ausbildung aus?

Hempel: Die Studenten kritiseren häufig, dass die Praxis zu kurz kommt. Mittlerweile gibt es drei Praktika während des Studiums. Eins davon im Master.

Wie lang dauern die?

Hempel: Das erste ist ein vierwöchiges Hospitationspraktikum. Man ist zwar in der Schule, unterrichtet aber kaum selbst. Ziel ist, eine unterrichtsbeobachtende Forschungsarbeit zu schreiben. Das ist nicht sinnlos, trägt aber nicht zur praktischen Erfahrung bei. Das zweite Praktikum findet semesterbegleitend am Ende des Bachelorstudiums statt. Da soll auch unterrichtet werden – zumindest eine Stunde. Doch die Kooperation mit den Schulen funktioniert nicht ganz so gut. Deshalb unterrichten manche Studierende zum ersten Mal während der Masterausbildung.

Was muss sich also am System von Bachelor und Master ändern, damit der Lehrernachwuchs sicher ist?

Hempel: Erstens muss für jeden erfolgreichen Bachelorabsolvent ein Masterplatz da sein. Zweitens muss wieder nach Schulformen differenziert werden, damit die künftigen Lehrer die Kompetenzen lernen, die in der Schule verlangt werden. Und drittens muss die Modulstruktur kritisch hinterfragt und überarbeitet werden.

Was hat die Bologna-Reform Positives gebracht?

Hempel: Außer der Modularisierung nicht viel. Das liegt aber nicht an der Reform, sondern an deren Umsetzung.

Christopher Hempel ist 23 Jahre alt und studiert an der Universität Leipzig Lehramt für Gymnasium mit den Schwerpunkten Gemeinschaftskunde und Geschichte. Er gehört zu denen, die ihr Studium begonnen haben, als Bachelor und Master noch nicht eingeführt waren. Als Referent für Lehramt im Studentenrat der Hochschule kennt er sich mit den politischen Bedingungen und den Effekten der Bologna-Reform auf Lehramtsstudenten gut aus.

kat/news.de
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