Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Akkordeon-Mafia, arbeitslose Orchestergeiger oder bohème Jazzer: Die Straße hat Platz für viel Musik. Doch selbst der größte Mozartfreund kann irgendwann den Türkischen Marsch nicht mehr ertragen. Was erlaubt ist, entscheiden die Kommunen.
«Nein, das finde ich gar nicht schön.» Karin Kunert ist deutlich. Sie löffelt ihren Eisbecher heute ausnahmsweise, ohne ihre Freunde, die mit am Tisch sitzen, anschreien zu müssen. Und darüber ist sie froh. Die Berlinerin sitzt häufig im Leipziger Barfußgässchen, und oft sieht sie sich doppelt genötigt: Erst zuzuhören und dann Geld zu geben.
Denn das Barfußgässchen mit seinen aneinander geschmiegten Restaurants ist der natürliche Nährboden für Straßenmusiker. Solange sie dabei keine Verstärker einsetzen und keine CDs verkaufen hat das Ordnungsamt Leipzig auch keine Einwände gegen die Akkordeonspieler und Saxophonisten, die sich hier verdingen. Unter einer Bedingung: dass sie maximal eine halbe Stunde am selben Ort verweilen.
«Manchmal ist alle zehn Minuten ein neuer da. Wenn Gäste eine Stunde lang sitzen, kann es sein, dass sie vier verschiedene Musiker am Tisch haben. Da fühlen sie sich belästigt», sagt Felix Bartolini, der im «Don Camilo & Peppone» serviert. Seine Mutter Silvia Bartolini ist Inhaberin des italienischen Lokals und hat ein Herz für die Musiker. «Viele müssen eine Familie ernähren. Ich finde, man sollte leben und leben lassen.» Sie schicken niemanden weg, so sehr ihnen die schwungvolle Akkordeonmelodie auch im Ohr dröhnt. Gegenüber, in der «Zigarre», ist man weniger zimperlich. Spätestens, wenn auf ihrem Freisitz Hut oder Blechdose herumgereicht werden, sprechen die Angestellten ein Machtwort.
Auf ihren Nutzungsflächen dürfen die Lokalbesitzer selbst entscheiden, ob sie Beschallung wünschen. Solange sich die Musiker jedoch auf öffentlichen Wegen befinden, bestimmen die Kommunen darüber. Viele Städte haben, wie Hamburg oder Frankfurt, ein Merkblatt für Straßenmusiker aufgesetzt. Sie schreiben eine Nachtruhe vor, verbieten laute Blechbläser oder Dudelsäcke und Verstärker. Geldspenden dürfen nur passiv eingesammelt, keine Waren feilgeboten werden, und der regelmäßige Wechsel ist überall ein Muss. In Stuttgart dürfen die Musikanten nur an acht vorgeschriebenen Stellen ihr Instrument auspacken, Frankfurt fordert Ruhe an Sonn- und Feiertagen.
Von Mafia ist die Rede
«Wir kontrollieren das mit den normalen Streifendiensten oder, wenn wir zu konkreten Beschwerden gerufen werden», erklärt Peter Bühner vom Frankfurter Ordnungsamt. «Gerade in den Sommermonaten kommt es schon häufiger vor, dass Gewerbetreibende anrufen und sagen, ‹hier, auf der Zeil, da steht er schon seit einer Stunde und fiedelt›», sagt Bühner.
Heute ist Ruhe in der Leipziger Innenstadt. Nur in der Grimmaischen Straße gibt der gute alte Türkische Marsch drei älteren Herrschaften den Rhythmus beim Eisschlecken vor. Nikolas aus Rumänien sitzt auf seiner Akkordeonkiste und spielt mechanisch wiedergekäute Weisen. Nur 10 bis 15 Euro sammle er am Tag, sagt er. Die Akkordeonspieler gehören zu den unbeliebtesten Straßenmusikanten. Von Mafia ist die Rede und den immer gleichen Melodien. Auf immerhin 50 Stücke schätzt Nikolas sein Repertoire. Und spielt weiter. Wieder ein Gassenhauer.
Es gibt zwei Arten von Straßenmusikern. Den Schlag der Tischgeiger, die von Restaurantbesitzern mehr geduldet als geschätzt werden. Das Instrument scheint ihnen nur Mittel zum Zweck zu sein. Und die echten Musiker, die ein Publikum suchen: Orchestergeiger aus Osteuropa, Panflötenvirtuosen, kleine Jazz-Combos oder Operettensänger.
Stadt wacht über die Qualität
Nicht überall haben sie so freie Bahn wie in Leipzig. München ist bekannt für seine Sondernutzungserlaubnis. Wer die Lizenz ergattern will, muss nicht nur zehn Euro in der Stadtinformation am Marienplatz blechen, sondern deren Leiter Albert Dietrich zunächst ein Ständchen spielen. Dietrich wacht über die Qualität in der Altstadt, Alphörner oder Trommeln schließt er von vornherein aus, zu laut. Jeden Tag vergibt er zehn Lizenzen, fünf am Vor- und fünf am Nachmittag.
Auch die Berliner U-Bahn-Musiker dürfen nicht einfach ihre Gitarre auspacken und sich von Haltestelle zu Haltestelle spielen. Musizieren in den Bahnen hat die Berliner Verkehrsgesellscahft (BVG) nämlich offiziell verboten. Und für die Genehmigungen in den Bahnhöfen ist Schlangestehen angesagt. Mittwochs um 7 Uhr drängeln sich Keyboards, Gitarren, Mundharmonikas und Balalaikas am U-Bahnhof Rathaus Steglitz. Rund 40 Genehmigungen pro Woche vergibt die BVG hier. Alex, Friedrichsstraße und Potsdamer Platz gehören zu den beliebtesten Stationen, damit es ein bisschen gerecht zugeht, bekommen die Musiker inzwischen jeden Tag einen anderen Platz zugewiesen.
Kostenpunkt: 6,60 Euro. Dafür dürfen sie die U-Bahn auch benutzen, allerdings nur zu «ihrem» U-Bahnhof und zurück. «Die Qualität der Musiker testen wir nicht. Die Musiker untereinander lassen eine schlechte Leistung nicht zu. Die Qualität ist teilweise so gut, dass die Fahrgäste verweilen, zuhören und auch applaudieren», heißt es in einer Erklärung der BVG.
bjm/news.de
Tippfehler Berliner Verkehrsgesellscahft (BVG)
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