Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Es gibt wieder Wölfe in Deutschland - und Wildschweine fressen sich durch Berliner Vorgärten. Kirsten Koop von der Deutschen Wildtierstiftung spricht mit news.de über Erfolge und Probleme mit Deutschlands wilden Tieren.
Was gibt es noch für wilde Tiere in Deutschland?
Koop: In den letzten Jahrzehnten beobachten wir allgemein einen Rückgang der Artenvielfalt. Aber spektakulär sind in der Öffentlichkeit zum Beispiel die Wölfe in der Lausitz oder die Luchse im Harz. Aber auch das Rotwild ist sehr interessant, und der Schreiadler.
Was macht den Wildtieren das Leben schwer?
Koop: Allgemeine Probleme sind die Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft und die Zerschneidung der Landschaft durch Infrastruktur. Dazu kommt der Flächenverlust: Jeden Tag werden in Deutschland 100 Hektar versiegelt. Das macht sich auch in den Agrarlandschaften bemerkbar, wo der Feldhase oder die Feldlerche zwar noch nicht akut bedroht ist, die Bestände aber zurückgehen. Im Siedlungsraum gilt das auch für den Spatz: Er findet keine Nistmöglichkeiten mehr. Besonders besorgniserregend ist der Verlust von Brutland für den Schreiadler: Es gibt nur noch 100 Brutpaare in Deutschland.
Gibt es auch positive Entwicklungen in den letzten Jahren?
Koop: Die Wölfe sind aus Polen wieder zugewandert. Erfolgsstories sind auch der Seeadler und der Kranich. Deren Populationen waren ganz stark zurückgegangen. Aber durch den gezielten Schutz von Horstbäumen und Brutwäldern sind die Bestände wieder angewachsen, und man kann sie wieder beobachten.
Warum sind denn die Wölfe zurückgekommen?
Koop: Die Tiere kommen aus Populationen in Westpolen. Der Wolf ist ein Rudeltier. Wenn sich Nachwuchs eingestellt hat, sucht der sich für gewöhnlich ein eigenes Revier, und dadurch kommt es zu Abwanderungen. Der Wolf ist ein sehr scheues Tier und meidet den Menschen. Deshalb haben sie in der Lausitz auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz optimale Bedingungen gefunden.
Aber die Wölfe sind nicht überall beliebt. Schäfer fürchten um ihre Zucht.
Koop: Beim Wolf ist es wichtig, dass man auch die Öffentlichkeit aufklärt. Viele haben noch das Bild vom Rotkäppchen fressenden Wolf. Man muss darüber informieren, dass es ein Tier ist, das sehr viel Scheu vor dem Menschen hat, und es ist wichtig, dass Nutztierhalter erfahren, wie sie ihre Tiere schützen können: durch Zäune oder Herdenschutzhunde.
Trotzdem richten wilde Tiere immer wieder Schaden an, und die Landwirte beschweren sich.
Koop: Wenn man von Wildschäden spricht, muss man auch sehen, dass die Wildtiere in Deutschland in Kulturlandschaften leben und versuchen, ihren Hunger in so einer Landschaft zu stillen. Es gibt ja keine Wildnis im eigentlichen Sinne mehr. Die Tiere leben auf land- oder forstwirtschaftlich genutzter Fläche. Die Jagdpächter sind aber verpflichtet, den Schaden auszugleichen. Was den Wolf betrifft, sind die Ausgleichszahlungen in den Agrarhaushalten vorgesehen.
Was können Sie für andere Wildtiere tun? Der Luchs zum Beispiel ist auch gerade dabei, wieder Fuß zu fassen in Deutschland.
Koop: Für wandernde Tierarten kann man Wanderungskorridore schaffen. Es gibt schon viele Projekte, in denen Querungshilfen über Autobahnen gebaut werden.
Keine Probleme gibt es offenbar beim Bestand von Wildschweinen. Die sind sogar auf dem Berliner Ku´damm aufgetaucht ...
Koop: In Berlin kommen Wildschweine vor allem aus dem Grunewald. Es sind sehr intelligente Tiere. Sie leiden keinen Hunger, weil sie Allesfresser sind und immer Stellen mit Nahrung finden. Deshalb darf man sie auf keinen Fall füttern. Viele haben die Scheu vor den Menschen verloren, und die Bestände sind in ländlichen Gegenden gestiegen, vor allem im Maisanbau.
Was kann man denn gegen die Tiere tun, die in Wohngebiete eindringen? Sie dürfen dort ja nicht gejagt werden.
Koop: Zu dem Problem trägt auch bei, dass durch falschen Abschuss viele Rotten ihre Leitbache verlieren. Wildschweine haben eine sehr soziale Struktur. Die Leitbache hat das Sagen, und sie gibt die Rausche vor, also die Zeit, wenn die Bachen fortpflanzungsfähig sind. Wenn die Leitbache fehlt, kommt es zum Durcheinander, Frischlinge kommen rund ums Jahr auf die Welt. Deshalb ist eine richtige Bejagung in der Landschaft nötig, um die Bestände auf einem gesunden Maß zu halten.
Kirsten Koop ist bei der Deutschen Wildtierstiftung für Naturschutz und Umweltpolitik zuständig.
mat/news.de