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Ein Campingplatz mitten in Berlin (Bild 1/6)
Noemie aus Straßburg (Foto)
Foto: news.de
28.08.2009

Noemie kommt aus Straßburg in Nordfrankreich. An der Tentstation schätzt sie neben der zentralen Lage auch den Preis von 11 Euro pro Person und Übernachtungung.

Campen hinterm Hauptbahnhof

Paralleluniversum in der Großstadt

Von news.de-Redakteur Timo Nowack

Zelten in der Großstadt klingt nicht besonders idyllisch. Doch der Campingplatz Tentstation begeistert Berlinbesucher, gerade weil er direkt hinter dem Hauptbahnhof liegt. Jetzt sind die letzten fünf Wochen im Paralleluniversum angebrochen.

Es ist 10.30 Uhr morgens und Noemie steht vor ihrem orange-roten Zelt und schafft Ordnung. Einen Pulli legt sie auf das Zeltdach, zwei Schlafsäcke hängt sie zum Lüften über einen nahen Zaun. Die 27-Jährige aus dem nordfranzösischen Straßburg hat mit ihrem Freund gerade die erste Nacht auf dem Campingplatz Tentstation in Berlin verbracht. «So etwas habe ich noch nie gesehen, auch nicht in anderen Städten», sagt sie. «Der Platz liegt mitten im Stadtzentrum und trotzdem ist es total ruhig hier.»

Einige Meter weiter steht Gabi Gramsch und baut mit ihrem Mann zusammen das Vorzelt für den weißen VW-Bus auf. «Wir sind gerade erst aus Magdeburg angekommen», sagt die 49-Jährige. «Wir freuen uns aber schon, dass man von hier aus so zentral in die Stadt radeln kann.»

Die Tentstation ist vom Hinterausgang des Hauptbahnhofs zu Fuß tatsächlich in gerade einmal acht Minuten zu erreichen. Im Stadtteil Moabit liegt neben Reihenhäusern unscheinbar das Kassenhäuschen eines alten Freibades - der Eingang zum Zeltplatz. Auf dem Parkplatz stehen Autos aus Italien, Frankreich, Deutschland, Holland und Spanien.

Auf dem Zeltplatz ist es dann fast idyllisch. Überall wächst es grün, Bienen und Wespen fliegen umher. Wer an der großen Zeltwiese und den Freibadduschen vorbei geht, kommt zum Herz der Tentstation: zwei riesigen Schwimmbecken. Das eine ist mit Sand aufgefüllt, das andere leer. Der Sprungturm beginnt zu bröckeln. Die Tentstation bildet im hektischen Zentrum von Berlin ein ruhiges Paralleluniversum mit dem Charme des Maroden. Und der ist so gewollt.

20.000 Gäste aus mehr als 40 Ländern

Im Café neben den Schwimmbecken sitzt Bernd Häußler, trinkt Kaffee und schaut sich um. Da stehen vor einer Bar Stühle im 1980er-Jahre-Design, viele verschiedene, kleine Tischchen und an manchen Stellen des Bodens sind Teppiche ausgelegt. «Das haben wir alles Second Hand gekauft», sagt Häußler. «Wir wollen alles wieder verwenden, das ist unser Prinzip hier.»

Der 40-jährige Häußler hat die Tentstation 2006 zusammen mit drei anderen gegründet, darunter Sarah Oßwald. In ihrer Diplomarbeit schrieb die damalige Geografiestudentin über Zwischennutzungen, also über Gelände, die zum Verkauf stehen, aber keinen Investor finden und daher saisonweise vermietet werden. Dabei stieß sie auf das alte Freibad in Moabit und hatte die Idee, einen Zeltplatz daraus zu machen – und das kurz vor der Fußball-WM. «Da war uns klar, wir müssen es jetzt oder nie machen», erzählt Häußler, der vorher selbst Architekt und Selbstständiger in der Multimediabranche war.

Das Projekt wurde zum Erfolg und seitdem mieten Häußler, Oßwald und Co. das alte Freibadgelände jedes Jahr und machen daraus von Ende April bis Anfang Oktober die Tentstation. Auf dem Gelände, auf dem 125 Zelte Platz haben und auch zwei Wohnwagen und ein Bademeisterhäuschen zu vermieten sind, waren in den vergangenen vier Jahren rund 20.000 Leute aus mehr als 40 Ländern zu Gast.

Luxus-Wellnesszentrum verdrängt den Zeltplatz

Doch nun sind die letzten fünf Wochen im Paralleluniversum angebrochen. Ein Investor hat das Gelände gekauft und wird darauf ein luxuriöses Wellnesszentrum bauen, die Tentstation muss weichen.

«Wirklich?», fragt Darrell aus Irland ungläubig, als er erfährt, dass er im nächsten Jahr sein Zelt hier nicht mehr aufschlagen kann. «Das ist ja übel.» Zusammen mit seinem Freund Evan sitzt der 23-Jährige mit Sonnenbrille über den Augen vor seinem Zelt, neben ihm liegt ein Skateboard. «Das ist wie eine Insel in der Großstadt hier.»

Bernd Häußler sitzt im Eingangshäuschen und kümmert sich um die Leute, die auschecken wollen. «Es war super hier», sagt ein Junge mit Backpackerrucksack. «Danke. Schau auf die Website, ab nächstem Jahr sind wir woanders», gibt Häußler ihm mit auf den Weg. Denn aufgeben wollen die Tentstation-Betreiber nicht, sondern sich auf die Suche machen nach einem neuen Platz. «Ich könnte mir vorstellen, dass es auch woanders gut läuft», sagt Häußler. Und auch ein Standort mit guter U-Bahn-Anbindung wäre ok für ihn. «Denn so eine Lage wieder zu bekommen, ist relativ unmöglich.»

iwe/news.de
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Campen hinterm Hauptbahnhof: Paralleluniversum in der Großstadt » Gesellschaft » Nachrichten
URL : http://www.news.de/gesellschaft/855022686/paralleluniversum-in-der-grossstadt/1/
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Leserkommentare (2)
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  • Kommentar: 2
  • 28.08.2009 19:18
von
kato

Tipp versucht es doch mal am Engeldamm (Höhe Schillingbrücke-Westseite)oder neben dem Verdigebäude - Köpenicker Str(Kreuzberg), hier ist auch größeres Terrain nicht genutzt. Vielleicht braucht man ja nur umziehen. Die Idee als solche finde ich durchaus charmant.

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  • Kommentar: 1
  • 28.08.2009 16:34
von
Renate Dietrich

Schon wieder so ein sch.... Investor da, um wieder ein teurer Tempel aus Glas und Beton hinzustellen. Alles ALte und schöne wird abgerissen!

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