Karrierestart unter weißen Segeln
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Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Artikel vom 26.08.2009
Sie sind Botschafter Deutschlands – auf den Meeren und in den Häfen der Welt: das Segelschulschiff «Gorch Fock» und ihre Besatzung. Für die Dreimastbark hat nun eine neue Reise begonnen und für 101 Anwärter die Karriere in der Bundesmarine.
Mit dem Albatros voraus sticht die Gorch Fock in See. Mehr als 100 Tage wird der weiße Schwan der Ostsee die Bundesrepublik Deutschland international repräsentieren. Von Kiel aus geht es über Frankreich, die Kanarischen und Kapverdischen Inseln in Richtung Azoren und von dort nach Großbritannien.
Kurz vor Weihnachten soll der Segler wieder im Heimathafen Kiel einlaufen. Für die mitreisenden 101 Offiziersanwärter der Bundesmarine, die neben der Stammbesatzung an Bord sind, endet damit eine wichtige Station ihrer Karriere. Doch bevor es soweit ist, betreten viele der Männer und Frauen mit den Schiffsplanken Neuland.
Noch stehen die 19- bis 22-Jährigen am Anfang ihrer Ausbildungsphase. Nach dem Abitur oder einer gleichwertigen Qualifikation haben die Seeleute von morgen ihre Karriere nach einem strengen Auswahlverfahren bei der Bundesmarine begonnen.
«Bei uns lernen die Anwärter Teamgeist und Kameradschaft. Ein Stück weit auch Selbstüberwindung und Selbsterkenntnis», sagt Kapitänleutnant Sebastian Fliege. Seit drei Jahren ist der Divisionsoffizier der 2. Division wieder an Bord. Wieder, weil der heute 31-Jährige 1998 seine Ausbildung selbst auf der «Gorch Fock» gemacht hat.
Doch nicht nur, dass alle Hände zählen, gehört zu den Lektionen der Offiziersausbildung. Auf das seemännische Handwerk kommt es an. Und so lernen die 101 Anwärter, Leinen zu bedienen und Knoten zu knüpfen. Was antiquiert klingt, ist es aber nicht. «Das ist das tägliche Handwerk eines Seemanns. Wo könnte man besser mit See und Witterungsverhältnissen umgehen lernen, als auf einem Segler? Es ist die beste Methode zu lernen, auf anderen Schiffen Besatzung und Material nicht zu gefährden», betont Fliege. Weil es auf einem Segler keine Maschinen gibt, die die Arbeit erleichtern. «Hier müssen alle am gleichen Strick ziehen.»
Exotenstatus hat die Ausbildung auf dem ehrwürdigen Schiff nicht. In Europa und darüber hinaus sei das Prinzip des Segelschulschiffs weit verbreitet. Russland, Spanien, Italien, Norwegen, Grobritannien und selbst Brasilien lassen nicht von der traditionsreichen Ausbildung. Auf anderen Schiffen, etwa Fregatten, ließe sich der Umgang mit den Elementen kaum so intensiv lernen.
«Der Laufbahn auf einem Segler bleibt deshalb zeitgemäß. Gerade beim Blick auf die Demografie», meint der Kapitänleutnant: «In Deutschland gibt es so viele Einzelkinder oder Familien mit nur einem Geschwisterkind, da zählt nur Individualität.» Doch die Marine braucht Teamspieler. Die zu erziehen, dafür sei die Bark der beste Platz.
Ein bisschen ist es Abenteuerlust. Und Fernweh spielt auch hinein. «Doch wer an Bord der «Gorch Fock» geht, hat seine berufliche Karriere fest im Visier. Genauer gesagt, einen Dienstposten, der schon in jungen Jahren viel Verantwortung an die Hand gibt», betont der erfahrene Seemann.
Ausgangspunkt dafür ist das Auswahlverfahren an der Offiziersbewerberprüfzentrale in Köln. Aber auch gesunde Neugier, Begeisterungsfähigkeit und die Einsicht, sich auch unterordnen zu müssen, sei wichtig. Denn: «Der Enge an Bord und den Zwängen der Gruppe kann man sich auf hoher See kaum entziehen», weiß Fliege.
Mitspielen muss zudem der Körper. «Um an Bord in die Tagelage aufentern zu dürfen, muss man eine intensive Untersuchungsreihe über sich ergehen lassen. Der Kreislauf muss hundertprozent fit und man selbst schwindelfrei sein», klärt der «Gorch Fock»-Fahrer auf. «Alles andere wäre gefährlich.»
Wer seinen Kopf zu hoch in den Wind streckt, hat übrigens auch keine Chance. Wer größer als 1,94 Meter ist, passt nicht aufs Schiff, «weil man sich sonst den Kopf stößt». Vor Übelkeit sind aber auch die Fittesten nicht gefeit. Probatestes Mittel dagegen: Arbeit. «Wer was zu tun hat, der kann sich nicht auf die Befindlichkeit des Körpers konzentrieren.» Ansonsten hat sich Vitamin C bewährt. Und ein paar erprobte Mittel der Schulmedizin sind auch an Bord.
Vor allem aber heißt es, die Füße auf den Planken zu halten. Wer eine romantische Seereise vor Augen hat, muss sich von seinen Illusionen verabschieden. «Das hier ist weder eine Kreuzfahrt mit Animationsprogramm, noch eine Klassenfahrt», stellt Sebastian Fliege klar. «Es ist ein Beruf. Da zählt nur die Leistung.»
Und die muss an Bord 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche erbracht werden. Am Tag wie zu nächtlicher Stunde sind die angehenden Offiziere im Dienst. «Insofern ist die Ausbildung hier durchaus härter als eine normalen Lehre», sagt der Kapitänleutnant. «Bei uns kann keiner abends nach Hause gehen und seinen Chef verfluchen.»
Schwerlich kann man sich bei Streits auf dem 90 Meter langen und 12 Meter breiten Segler aus dem Weg gehen. Doch Streitigkeiten bleiben nicht aus. Toleranz sei deshalb wichtig und «Dispute müssen schnell aus der Welt geschafft werden». Nur kielgeholt wird heute niemand mehr. Um jemanden zu disziplinieren, der Mist gebaut habe, gebe es andere Methoden. Die härteste Strafe, einen Anwärter aus dem Dienst zu entlassen, komme selten vor. Stattdessen müssten die Übeltäter sich schriftlich Gedanken über ihr Vergehen machen – unter den Augen eines Offiziers.
Wer nicht gerade dazu beiträgt, dass das Schiff auf Kurs und an Bord Ordnung herrscht, der muss sich mit der Fachtheorie auseinandersetzen. Die Ausbildung ist kein Zuckerschlecken. Der Drill und der rauhe Ton, die bisweilen auf der «Gorch Fock» herrschen, trifft längst nicht jeden Geschmack. Und so spalten sich die Gemüter derer, die ihre harte Schule bei Wind und Wetter absolviert haben: Die einen hassen den weißen Schwan der Ostsee, die anderen werden ihre Zeit darauf nicht vergessen.
kat/news.de
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