Dörrleiche und Lotterbett haben´s nicht geschafft
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Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Artikel vom 24.08.2009
Die Fruchtbringende Gesellschaft hat den «Abstand» und die «Buchbesprechung» erfunden. Am 24. August 1617 gründete sich die Gesellschaft zur Sprachpflege. Warum heute der Verein Deutsche Sprache das «Prallkissen» einführen möchte, erklärt Holger Klatte.
Wie sieht es 392 Jahre nach Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft mit der deutschen Sprache aus?
Klatte: Das Deutsche ist heute zwar eine gut ausgebaute Sprache mit großem Wortschatz. Probleme gibt es aber seit einigen Jahrzehnten mit dem starken Einfluss des Englischen und damit, dass viele Menschen in Deutschland ihre Sprache nicht mehr verwenden, zum Beipiel in der Wirtschaft oder in der Werbung. Da gibt es durchaus Parallelen zu den Verhältnissen, die damals die Fruchtbringende Gesellschaft vorgefunden hat. Damals war das Deutsche stark von französischen und lateinischen Elementen beeinflusst.
Und was hat die Gesellschaft dagegen getan?
Klatte: Sie haben erkannt, dass viele Menschen die Sprache mit so vielen Fremdwörtern nicht verstehen und geguckt, was man an lateinischen oder französischen Wörtern ins Deutsche übersetzen könnte. Für das heute alltägliche Wort «Abstand» gab es nur «Distanz», und für die «Rezension» haben sie «Buchbesprechung» vorgeschlagen. Heute wissen manche Leute auch nicht mehr, was ein «Nekrolog» ist, weil sich «Nachruf» durchgesetzt hat. Da stand ein bildungsbürgerlicher Anspruch dahinter.
Aber die Fremdwörter werden doch auch noch verwendet.
Klatte: Durch die Wortentwürfe wurden auch Differenzierungen geschaffen. Zum Beispiel bei dem Wortpaar «Dialekt» und «Mundart», eine Eindeutschung von Heinrich von Campe. Er hat auch «Erdgeschoss», also «Parterre», und «Feingefühl», das heißt «Takt», in den Sprachgebrauch gebracht. Aber es gab auch Gegenbeispiele, die sich in der Sprachgemeinschaft nicht durchgesetzt haben, weil sie sich vielleicht komisch anhören. Zum Beispiel «Dörrleiche» für «Mumie», und das «Sofa» sollte «Lotterbett» heißen. «Pyramide» sollte als «Spitzgebäude» bezeichnet werden.
Ihr Verein möchte nun die Anglizismen ausmerzen?
Klatte: Eine Sprache lebt auch davon, dass sie sich Fremdwörter einverleibt und mit grammatischen Endungen versieht: nehmen wir Wörter wie Team oder Keks. Das ist völlig normal. Heute ist das Problem, dass in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen wie Medien, Elektrotechnik oder Musik alles komplett auf Englisch funktioniert. Da sind viele vom Verständnis ausgeschlossen. Dagegen richtet sich der Verein Deutsche Sprache.
Arbeiten Sie ähnlich wie die Académie francaise, die über das Französische wacht?
Klatte: In Frankreich gibt es Sprachgesetze und die staatliche Akademie, die Fremdwörter ans Französische anpasst. Wir sind nur ein Verein. In Deutschland existiert keine Institution, die sich dessen offiziell annimmt, obwohl es gerade für die Terminologieentwicklung erforderlich wäre.
Und Sie übernehmen solange diese Aufgabe?
Klatte: Seit 2001 beschäftigt sich der Verein Deutsche Sprache in seinem Arbeitskreis Anglizismen-Index mit dem Eindeutschung von englischen Wörtern. Hier weisen wir darauf hin, dass es für viele englische Wörter bereits deutsche Entsprechungen gibt. Wenn es noch keinen Begriff gibt, schlägt der Verein einen vor: «Prallkissen» zum Beispiel beginnt sich durchzusetzen für den englischen «Airbag». Das haben wir 2007 erfunden. «Fotofinish» hört man derzeit oft, das könnte man durch «Zielfotoentscheid» ersetzen. Ein «Laptop» könnte «Klapprechner» heißen.
Aber Zielfotoentscheid ist sehr sperrig, das wird sich doch nie durchsetzen.
Klatte: Das würde ich nicht so sagen. Bei «Abstand» und «Besprechung» der Fruchtbringenden Gesellschaft werden sich viele auch gesagt haben, was für komische Wörter. Ich denke schon, dass es möglich ist, Wörter in einer Sprachgemeinschaft zu etablieren, insbesondere wenn man die Unterstützung einer offiziellen Organisation hat.
Bedienen sich andere Sprachen eigentlich auch aus dem deutschen Wortschatz?
Klatte: Eine Sprache hinterlässt Spuren in anderen Sprachen, wenn sie einflussreich ist. Im Mittelalter, in der Hansezeit, sind viele deutsche Fremdwörter ins Schwedische eingegangen. In slawischen Sprachen finden wir viele deutsche Fremdwörter: zum Beispiel «butterbrod» im Russischen, «hochštapler» im Tschechischen. Sprachen beeinflussen andere Sprachen, wenn eine Sprachgemeinschaft zu bestimmten Themen viel zu sagen hat: Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts war Deutsch weltweit eine wichtige Wissenschaftssprache. Im Französischen haben wir heute: «le bécher» in der Chemie oder «waserwaga» im Polnischen. Bestimmte Fremdwörter hängen auch mit anderen, in diesem Fall deutschen Lebensweisen, zusammen. Das sieht man am englischen Wort «Kindergarten» oder am polnischen «weltszmerc».
Vernachlässigen wir das Deutsche zugunsten der Fremdsprachen?
Klatte: Der Verein Deutsche Sprache setzt sich seit elf Jahren für die sprachliche Ausbildung vom Kindergarten bis zur Universität ein und dafür, dass man nicht nur darauf schielt, schon ab drei Jahren englische Fremdsprachenkenntnisse zu vermitteln. Vielmehr sollte man sich erstmal in der Muttersprache gut auskennen und dann in der Fremdsprache.
Was ist denn der blödeste Anglizismus?
Klatte: Den «Director Human Resources» kann man genauso gut «Personalchef» oder «Leiter der Personalabteilung» nennen. Aber ich wende mich nicht puristisch gegen Anglizismen, verwende auch «E-mail» und «Internet». Viele Fremdwörter passen gut zum Deutschen, dass man sie nicht eindeutschen muss: zum Beispiel «Trainer», «Sport», «Partner».
Jean Paul nannte das Deutsche die Orgel der Sprachen, sie haben das auf ihrer Internetseite zitiert. Was meint er?
Klatte: Wenn man in der Kirche ist und die Orgel spielt, fühlt man die Reichhaltigkeit des Instruments. Deutsch ist eine sehr reichhaltige Sprache. Zum Beispiel durch die Möglichkeit, durch Zusammensetzen neue Wörter zu schaffen. Im Französischen muss man dafür einen ganzen Satz bilden.
Holger Klatte ist Geschäftsführer des Vereins Deutsche Sprache in Dortmund. Er hat über die Geschichte des Deutschen als Fremdsprache geforscht. Der Verein Deutsche Sprache existiert seit elf Jahren. Inzwischen setzen sich in seinem Dunstkreis 30.000 Menschen für die Pflege des Deutschen ein.
Am 24. August 1617 regte in Weimar Hofmarschall Kaspar von Teutleben die Gründung einer Sprachgesellscahft an, wie sie im Ausland bereits exisiterten. Spontan schlossen sich Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen und sein gleichnamiger Sohn, die drei Herzöge von Sachsen-Weimar sowie der Dessauer Hofmarschall Christoph von Krosigk und sein Bruder Bernhard von Krosigk dieser Idee an. Sie gründeten die Fruchtbringende Gesellschaft nach dem Vorbild der italienischen Accademia della Crusca. Ihr Zweck war, «unsre edle Muttersprache, welche durch fremdes Wortgepränge wässerig und versalzen worden», wieder in ihre «angeborne deutsche Reinigkeit, Zierde und Aufnahme einzuführen»
seh/news.de
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Mir gefällt es, dass versucht wird, der Flut an unnötigen Fremdwörtern Einhalt zu gebieten. Schade, dass an sich gut gemeinte Vdeersuche, wie gerade jetzt bei den Slowaken, von einem deutlichen Stachel gegen Minderheiten begleitet sind. Schließlich sind ja nicht die Ungarn schuld an den Auswüchsen des Globalismus! Also, ich glaube, dass es die Isländer am besten beherrschen. Sie tun niemandem weh, wenn sie für "Computer" oder "Politik" Eigenwörter geprägt haben. Auch Verlehnungen sind ein gangbarer Weg, etwa "bíl" aus "Automobil".
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