Im Zelt auf dem Melt
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Von news.de-Redakteur Frank Meinzenbach, Ferropolis
Artikel vom 23.07.2009Wer auf einem Festival nicht gecampt hat, der war nicht wirklich dabei. Dröhnende Boxen, grölende Menschen und eine Menge netter neuer Bekanntschaften. Auf dem Festivalgelände gibt es so ziemlich alles – außer Schlaf.
In Sachen Luxus wird man als Festivalzelter schnell genügsam. Die erste Nacht war an Schlaf kaum zu denken. Ein Sturm fegte über das Melt-Gelände hinweg und schüttelte die Zelte ordentlich durch. Pavillions wurden mitgerissen, überall flog Müll herum. Und nicht nur das Wetter muss ertragen werden: Dixie-Klos, die schon nach einem Tag Würgereflexe bei Passanten auslösen, ewige Schlangen vor den sauberen Toiletten- und Duschanlagen. Unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit die Leute an jede Hecke gepinkelt haben.
Festivalbesucher nehmen diese Entbehrungen wohlwollend in Kauf. Denn öffnet man das Zelt und die verquollenen Augen, liegt eine skurrile Welt vor einem. Ein Durcheinander von Zelten und jungen Leuten in sämtlichen Farben. Viel Gelächter, kleine Grüppchen auf Campingstühlen, jeder Zweite hat ein Bier in der Hand. Links und rechts neben den Zelten liegt der Müll vom Vortag: Leere Flaschen, umgedrehte Kästen und halbleere Essensdosen auf der einen Seite, weiter hinten ein Haufen mit Einweggrills, Pappkartons und leeren Chipstüten.
Der sorglose Umgang mit dem Müll steht exemplarisch für das Prinzip Festival. Es geht darum, sich von den Alltagsfesseln zu befreien, den gesellschaftlichen Regeln so gut es geht zu entkommen. Dabei steht für viele die Musik gar nicht im Vordergrund. «Wir sind mit unseren Freunden nur zum Campen hier», bringt es Tina (21) auf den Punkt. Die angehende Ergotherapeutin aus Berlin steckt inmitten ihrer Abschlussprüfungen und wollte «einfach mal wieder raus. An den ganzen Mist will ich gerade eigentlich gar nicht denken.»
Mit ihrem Ticket bezahlen Festivalfans nicht nur für die Bands, sondern auch für ein Stückchen Abenteuer und die Illusion grenzenloser Freiheit. Und tatsächlich ist es schwer, sich dem aufkeimenden Woodstockgefühl zu entziehen, so kitschig das auch klingen mag. Mit steigender Promillezahl ist die Laune einfach ansteckend. Irgendwann schlendert man dann ziellos über den Zeltplatz und lernt neue Leute kennen. Eine kleine gelebte Utopie, wenn auch nur für ein Wochenende.
Und tatsächlich gibt es diese schönen Momente, die erst pathetisch klingen, wenn man sie im Nachhinein erzählt. Da ist der 20-jährige Philippe aus Münster, der seinem Vater am Telefon zum Geburtstag gratuliert. Spontan stimmen Zeltnachbarn ein und singen mit ihm Viel Glück und viel Segen. Oder der 25-jährige Bernd, der von einer wildfremden Dorfbewohnerin ein paar Gummistiefel geschenkt bekommen hat. «Auch noch Größe 39, perfekt! Die sind für meine Freundin Miri.» Übrigens: Gummistiefel waren neben gefälschten Ray-Ban-Sonnenbrillen das Modeaccessoire des Festivals schlechthin.
Der Festivalfan ist geneigt, die unschönen Dinge zu verdrängen, aber sie passieren. Hauptproblem ist das Trinken bis zur Bewusstlosigkeit, teilweise in Kombination mit Drogen. Teilweise setzt dann der Verstand aus. Beispiel: Ravioliraketen. Auch diesmal waren die dumpfen Explosionsgeräusche wieder zu hören. Dafür nimmt man eine Raviolidose und stellt sie auf den Herd oder den Kocher - ohne vorher die Dose zu öffnen. Irgendwann wird der Druck innerhalb der Dose so groß, dass die Metallhülle platzt und die Raviolistückchen wie Vulkanlava durch die Luft fliegen.
Die Faszination für das Melt ist international. Englisch und Holländisch wird wie selbstverständlich auf dem Zeltplatz gesprochen. Den Besuch erkennt man nicht nur an der Sprache: Sie trinken Bier noch aus Dosen, vor den Zelten türmen sich die leeren Hülsen. Der große Erfolg des Trittinschen Dosenpfands lässt sich auf dem Melt begutachten. Vor und neben den deutschen Zelten liegen überall leer Bierflaschen.
«Ich bin wegen der tollen Stimmung hier», ruft der 23-jährige Roel aus Holland. Er und seine Freunde sind mit dem Auto extra aus Eindhoven angereist. Roel studiert in Eindhoven Freizeitmanagement: «Quasi recherchiere ich hier auch für mein Studium», meint er lächelnd. Außerdem seien die Preise für die Tickets nicht zu schlagen.
Und tatsächlich, im internationalen Vergleich ist das Melt-Festival recht billig. Das ist für die vielen Engländer einer der Hauptgründe, Gräfenhainichen einen Besuch abzustatten. «Eine Karte für das Glastonbury kostet 175 Pfund, für das Melt haben wir 100 weniger bezahlt», freut sich der 21-jährige Architekturstudent Chris. «75 Pfund für Aphex Twins, die ganzen DJs, Kasabian und Oasis? Ein Schnäppchen!» Außerdem sei hier der Alkohol deutlich billiger. «In Barcelona haben wir letztes Jahr für ein Bier sieben Euro bezahlt.»
Chris und seine Freunde sind aus Liverpool mit dem Auto angereist. Viele Engländer haben es sich noch leichter gemacht: Sie sind von London aus mit den Billigfliegern von Ryanair nach Altenburg geflogen und dann in Bussen oder Bahnen herbeigeströmt. So war die Anfahrt kurz und erschwinglich.
Das Gesamtpaket aus Musik, Veranstaltungsort und Zeltplatz hat gestimmt - kein Wunder, dass die 20.000 Tickets erstmals ausverkauft waren. Und so versprechen Chris und seien Freunde: «Wir kommen im nächsten Jahr wieder, bestimmt.»
iwe
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