Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach, Ferropolis
Das Melt wirke wie ein Fashion-Contest, ist Polarkreis-18-Schlagzeuger Christian Grochau überzeugt. Bei anderen Festivals sind eher Ostfriesennerz und Gummistiefel in. Beim Melt sitzt auch am dritten Tag trotz Regens die Frisur perfekt.
«Findet ihr nicht, dass es das Festival mit den schönsten Frauen ist?», fragt Joko Winterscheidt Polarkreis 18 bei der Pressekonferenz. Die verhaltenen Reaktionen der Band lösen eine Mode-Diskussion zwischen dem MTV-Moderator und den Dresdnern aus. Die Klamotten seien eher stylish als praktisch, meint Winterscheidt.
Als Trend hat Schlagzeuger Grochau große stärkelose Brillen ausgemacht. «Ich brauche halt eine Brille mit Stärke und freue mich, wenn ich nächstes Jahr wieder was ganz besonderes bin.» Dann werden auch die anderen Style-Faux-Pas wie Badeanzug über metallisch-glänzenden Leggins, enganliegender Ganzkörperanzug oder Leoparden-Hotpants und Bikinioberteil Geschichte sein. Denn nicht jeder hat hier wirklich Stil.
Designer Daniel Ludes, der auf dem Festival einen Stand betreibt, macht auch einen Trend aus. «Neonfarben gehen wie im letzten Jahr immer noch gut, aber auch knallige Pastelltöne. Die Hauptsache bunt, bunt, technobunt», sagt der Hamburger. Bunt sind auch die nachgemachten Ray-Ban-Sonnenbrillen, im Stil der Blues Brothers, Miami Vice oder Heinz Rudolph Kunze. Nächstes Jahr seien die auch Geschichte, meint der Designer.
Er findet jedoch, dass grundsätzlich alles tragbar ist. «Es hängt einfach vom Typ ab, wie man seine Klamotten gut rüberbringt», sagt Ludes. «Wenn du ein cooles T-Shirt anhast, aber du bist ein blöder Typ, sieht es einfach nicht gut aus.» Vor einem Jahr hat der Diplom-Mediendesigner sein Label Vogelwerk gegründet. Die Melt-Besucher seien die perfekte Zielgruppe für seine Klamotten mit den grafischen, bunten Drucken. «Das passt besser als irgendwelche gebatikten Hippieklamotten», sagt Ludes.
Solche verkauft Jörg Mehnert ein paar Meter weiter. Das Geschäft laufe nicht so gut, da die Stände zu weit weg vom eigentlichen Geschehen des Festivals sind. «Wir sind hier am äußersten Rand des Geländes», sagt der Frankfurter. Dass seine Mode einfach nicht hierhin passt, will er nicht glauben. «Wir verkaufen sonst bei Trance-Partys. Das ist auch Kleidung für elektronische Musik», sagt er über die Filzjacken und sogenannten Afghanihosen. Bei denen im Schritt noch soviel Stoff übrig ist, dass der entsprechend herunterhängt.
Scheinbar trendiger sind die Klamotten, die Adam aus Israel verkauft. Oder es zumindest versucht. Zu seinem Zelt mit stylishen, dunklen T-Shirts und Sweatshirts verirren sich nur wenige Festivalbesucher, dennoch konnte er sich einen Eindruck über deren Outfits machen. «Hier feiern die coolsten Leute, sie sind sehr urban gekleidet und sich ihres Aussehens bewusst», sagt der Verkäufer. Und es scheine, als hätten sie Geld. Das geben sie jedoch nicht bei ihm aus, deshalb wird er im nächsten Jahr nicht mehr hierher kommen. Und wenn doch, dann nur zum Feiern.
Es stimmt, dass die meisten Leute beim Melt auch am dritten Tag noch nicht total verschlammt und versifft aussehen. Dass die Gummistiefel, die hier getragen werden, nicht einfach nur gelb sind, sondern mindestens ein grafisches Muster haben. Das sieht meist nur gut aus, praktisch ist es nicht. Aber beim Melt gilt: Sehen und gesehen werden.
An solche Pseudo-Standards halten sich allerdings nicht alle Festivalbesucher. «Wir ziehen alles übereinander, was nicht zusammenpasst, dann ist es perfekt», sagt Britte, die mit ihren Freundinnen aus Köln zum Melt gekommen ist. Je nach Laune trage sie ihr lila-grün-buntes Lagenoutfit mit den Leopardenleggins auch Zuhause. «Manchmal ziehe ich mich aber auch dezenter an», sagt die 24-Jährige. Warum der Sinn für Mode bei vielen einfach ausgehebelt ist, erklärt die 33-jährige Festivalbesucherin Andrea: «Weil man hier alles tun soll, was man sich sonst nie traut.»
Auch bei der Pressekonferenz von Polarkreis 18 bleibt Mode das Thema. «Wo kann man deine Klamotten kaufen?», fragt ein Zuschauer Joko Winterscheidt. Der trägt zum Festival ein T-Shirt seiner eigenen Marke «German Garment».
jan