Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Es ist der größte Star unter den 600 Tieren im Ascherslebener Zoo. Das drei Monate alte Tigermädchen, das von seiner Mutter verstoßen wurde, ist zum Publikumsmagneten geworden. Dabei hätte die Kleine beinahe nicht überlebt.
Wie eine Märchentante komme sie sich manchmal vor, sagt Rita Kahl. Immer und immer wieder erzählt sie die Geschichte ihres Ziehkindes. Die Chefin des Zoocafés in Aschersleben hat mit ihrem Lebensgefährten, Zoodirektor Dietmar Reisky, vor drei Monaten ein Tigerbaby bei sich aufgenommen. Damals wurde es von seiner Mutter verstoßen.
«Es war 800 Gramm leicht, steif gefroren und schon fast tot, aber wir mussten ihm eine Chance geben», sagt Reisky. «Obwohl wir eigentlich keine Hoffnung hatten, dass es überlebt.» Mit Spezialmilch, Rotlichtwärme und Zuneigung haben sie den kleinen Tiger aufgepäppelt. Sieben Kilogramm wiegt das Tier und ist nun Publikumsmagnet.
Denn mittlerweile wird das Tigermädchen, das noch keinen Namen hat, den Zoobesuchern präsentiert. In einen Raum im Planetarium Aschersleben, das sich auf dem Zoogelände befindet, sitzt Rita Kahl auf einer Decke auf dem Boden. Vor ihr schirmt sie ein provisorischer Zaun von den Zuschauern ab, neben ihr tappst die kleine Tigerin.
In Gruppen von 20 Personen werden die Besucher hindurchgeschleust. Sie erfahren, dass die Zooangestellten zunächst gar nicht bemerkt hatten, dass die Bengaltiger-Mutter Kiara schwanger war. Dass die drei Geschwister des Tigermädchens zu schwach zum Überleben waren. Dass das Tier einen steifen Hinterlauf hat, weil die Mutter nach Geburt wahrscheinlich auf ihr herumgetrampelt ist. Und dass Rita Kahl am Morgen wieder versucht hat, das Tigermädchen mit Katzenfutter an feste Nahrung zu gewöhnen. Denn in der Wildnis stünde Fleisch für einen drei Monate alten Tiger bereits auf dem Speiseplan. Doch das Ascherslebener Tigermädchen sei noch nicht soweit, in seiner Entwicklung hinterher.
Dreimal die Woche bringen Reisky und Kahl ihren Tiger aus der nahen 70 Quadratmeter-Wohnung in den Zoo, um ihn von den Besuchern bestaunen zu lassen. Zuerst seien es täglich bis zu 500 Menschen gewesen, nun kommen um die 200. «Wir können diese Präsentation aber nur machen, wenn es dem Tier gut geht», sagt Reisky. Das Infektionsrisiko für die Raubkatze sei bei Kontakt mit sovielen Leuten groß, auch wenn der Tiger geimpft ist. «Wir legen Wert darauf, dass sie nicht von den Besuchern gestreichelt wird», fügt der Zoodirektor hinzu.
Dennoch stecken Kinder, die den Tiger anfassen wollen, immer wieder ihre Hände durch den Zaun. Doch die Zieheltern hätten lieber einen anderen Spielkameraden für das Tigermädchen. «Wir wollen demnächst einen Artgenossen für die Kleine finden, mit dem sie im Zoo leben kann», sagt Reisky. Denn vermenschlicht werden, solle das Tier auf keinen Fall.
Von der Diskussion über Handaufzucht bei Wildtieren, die beim Eisbären Knut sogar den Ruf nach Einschläfern laut werden ließ, halten Kahl und Reisky nichts. «Wenn Sie das kleine Bündel sehen und es ist noch nicht mal so groß wie ihre Hand, dann würden Sie es nicht übers Herz bringen, es zu töten», sagt Kahl, die von ihrem Lebensgefährten als Mama des Tigers vorgestellt wird. «Jede Kreatur hat ein Recht auf Leben», findet Besucherin Jana Feldt-Bendler, die ihrer kleinen Tochter das Tigermädchen zeigt. Und so seien die Reaktionen der Zoobesucher durchweg positiv, meint Rita Kahl.
Durch die verzögerte Entwicklung ist unklar, ab wann der Tiger im Zoo leben kann. «Das wird uns das Tier schon selbst signalisieren, wenn es soweit ist», sagt Reisky. Vorerst ist die Namensfindung viel wichtiger. Ab Mitte August begibt sich der Zoo Aschersleben auf die Suche - Anregungen der Zoogäste sind erwünscht. Eine Jury entscheidet dann über den schönsten Namen. Und auch das Tigermädchen wird sich freuen, von ihren Zieheltern nicht immer nur «Baby» genannt zu werden.
kat