Von Petra Albers
Johann Maria Farina war die schwülen Düfte leid. Er suchte nach etwas Leichtem für die Nase. Und was er im Jahr 1709 in Köln fabrizierte, ist noch heute der Inbegriff von Parfüm, Eau de Cologne eben. Wer dabei an 4711 denkt, ist jedoch auf dem Holzweg.
Friedrich der Große benutzte es, auch Dichterfürst Goethe, und Napoleon Bonaparte soll sogar stets ein Fläschchen in seinem Stiefelschaft bei sich getragen haben: Farinas «Eau de Cologne» hatte schon früh prominente Fans - und glaubt man der Familie, ist das bis heute so geblieben. Namen mag das Unternehmen aber nicht nennen, denn: «Die Kunden legen Wert auf Diskretion».
Vor 300 Jahren war Cölln am Rhein schmutzig, stinkig und streng katholisch. Und es hatte einen guten Draht zu Italienern, mit denen ein intensiver Handel blühte. Italienische Artikel, die sich den strengen Regeln der städtischen Zünfte entzogen, durften nur unter der Bezeichnung «Französisch Kram» feilgeboten werden. So einen Laden eröffnete 1709 auch Johann Baptist Farina, sein Bruder Johann Maria trat in das Geschäft ein und brachte seine Nase mit.
Der Name Farina wurde zum Inbegriff des Duftes und das Wunderwässerchen «Farina aqua mirabilis» zum Eau de Cologne. Schon bald war Farinas Erfindung, gekennzeichnet mit einer roten Tulpe, begehrtes Luxusgut - ein Fläschchen kostete damals das halbe Jahresgehalt eines Beamten. Fast alle Herrscher- und Fürstenhäuser gehörten zu den Kunden. Die Belege dafür finden sich im Firmenarchiv, das als umfangreichstes Europas gilt.
Die Zahl 4711 kam erst ein Jahrhundert später ins Spiel - und nicht auf Initiative der Farinas hin. In der Glockengasse 4711nämlich hatte ein Geschäftsmann namens Wilhelm Mülhens seinen Firmensitz: «Speculationsgeschaefte» übte er aus. Und erwarb 1803 von einem ganz anderen als dem Duft-Farina das Recht auf seinen berühmten Nachnamen. Diesen nutzte er selbst für sein 1792 auf den Markt gekommenes Duftwasser - das ganz anders als das Farina-Original riecht - und verkaufte ihn zudem rund 25 Mal an andere Parfümproduzenten weiter, was deutlich macht, wie wertvoll das Duftwasser und der Name Farina damals waren.
Als ihm - ebenso wie seinen «Käufern» - 30 Jahre später vom Gericht die Nutzung des Namens Farina verboten wird, findet Mülhens erneut einen Italiener gleichen Namens, den er ins Firmenboot holt, um seine Version des Eau de Cologne glaubhaft zu machen. 1881 verlor er endgültig das Anrecht auf den Namen Farina, seinen Duft machte er trotzdem berühmt, unter dem Namen «4711 Echt Kölnisch Wasser».
Doch zurück zum Original und dem echten Johann Maria Farina: «Ich habe einen Duft gefunden, der mich an einen italienischen Frühlingsmorgen erinnert, an Bergnarzissen, Orangenblüten kurz nach dem Regen», hatte dieser sein Parfüm beschrieben. Zur Herstellung nutzte er ein neuartiges Verfahren: Er destillierte reinen Alkohol und löste darin verschiedene Duftstoffe wie Limette, Zitrone, Bergamotte, Pampelmuse und Orange. Daraus entstand ein frischer, leichter Duft, der völlig anders war, als die schweren, schwülen Essenzen, die man bis dahin kannte.
Insgesamt gibt es nach Unternehmensangaben bis heute etwa 2000 Plagiate. Das Originalrezept jedoch ist streng geheim und seit 300 Jahren unverändert. «So lange man nicht Lage, Ernte und Anbaugebiet jeder einzelnen Duftessenz kennt, kann man das Eau de Cologne nicht nachmachen», erfahren die Besucher des Farina-Duftmuseums, das sich heute im «Eau de Cologne»-Geburtshaus in Köln befindet. Patrick Süskind recherchierte hier für seinen Bestseller Das Parfum.
Der Begriff «Eau de Cologne» ist inzwischen zur allgemeinen Bezeichnung für einen leichten Duft geworden. Das «Original Eau de Cologne» wird noch immer in Köln produziert. Heute hat die älteste Parfümfabrik der Welt - mit vollem Namen «Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH seit 1709» - etwa 50 Mitarbeiter. «Wir stellen noch 25 andere Düfte her - aber das ‹Eau de Cologne› bleibt unser wichtigstes Produkt», sagt Geschäftsführer Johann Maria Farina, der das Unternehmen in achter Generation leitet. In vielen Punkten hält das Familienunternehmen an seinen traditionellen Prinzipien fest. «Was wir ändern, darf für die Kunden nicht sichtbar sein - die möchten keine Veränderungen», sagt Farina. Zeitungsanzeigen oder Werbespots kommen für die Firma, die traditionell keine Angaben zu Umsatz oder Gewinn macht, nicht infrage.
Das «Original Eau de Cologne» sei auch heute «ein eher exklusives Nischenprodukt», das über Einzelparfümerien vertrieben werde, sagt der Firmenchef. Zwar gehe mit 85 Prozent der Großteil der Produktion ins Ausland - vor allem nach Italien, Frankreich und Spanien - aber die Nachfrage in Deutschland habe wieder angezogen: Vor zehn Jahren betrug der Exportanteil noch rund 95 Prozent.