Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Für manche stinkt Kölnisch Wasser, andere erleben den Duft positiv. Alles eine Sache von Erziehung und Erfahrung, findet der Geruchsforscher Hanns Hatt. News.de sprach mit ihm über Dufttrends und darüber, was Geruch noch alles kann.
Sie haben heute eine Prüfung abgenommen. Haben Sie Angstschweiß gerochen?
Hatt: Ja, eine Studentin hatte besonders Angst vor ihrer Prüfung. Das hat was mit Stress zu tun. Dann gibt man intensivere Gerüche ab als sonst. Das ist so eine Note, die eher animalisch ist, eher schwer.
Sprechen wir über einen leichteren Duft. «Eau de Cologne» oder Kölnisch Wasser gibt es bereits seit 300 Jahren. Von den einen wird es noch heute benutzt, andere verabscheuen den Geruch. Was löst dieser Duft bei den Riechenden aus?
Hatt: Viele Düfte werden von Menschen ganz unterschiedlich beurteilt, je nach Erfahrungen oder dem Kulturkreis, wo man herkommt. Das heißt, kein Duftempfinden ist angeboren, sondern wird durch Erziehung und Erfahrungen erzeugt. Wenn jemand mit Kölnisch Wasser oder seinen Inhaltsstoffen in der Jugend nicht gerade die besten Erfahrungen gemacht hat, dann wird man negativ darauf reagieren. Habe ich aber meine Großeltern sehr gern gehabt, die das benutzten, werde ich auch gute Erinnerungen an den Duft haben. Duft löst ein individuelles, erinnerungsgekoppeltes Gefühl aus.
Gibt es auch Düfte, die bei jedem Menschen dasselbe auslösen?
Hatt: Vor kurzem haben wir herausgefunden, dass es auch direkte Düfte gibt. Duftmoleküle, die nicht über die Nase, sondern über die Atmung aufgenommen werden. Wir atmen sie in die Lunge ein, von dort kommen sie ins Blut und somit ins Gehirn. Im Gehirn wirken sie dann auf bestimmte Sensoren, die bei jedem Menschen gleich sind. Wir haben einen Jasminduft gefunden, der zehn Mal stärker wirkt als Valium, dieses starke Schlafmittel. Der bringt Mäuse sofort zum Einschlafen.
Wie verändern sich Duftgewohnheiten mit der Zeit?
Hatt: Es gibt einen Zeitgeist, auch bei Düften. Deshalb werden sie auch immer wieder angepasst. Bei Chanel weiß man, dass das Chanel, das man heute kaufen kann, nicht exakt das ist, das um 1930 erfunden wurde. Unsere Lebensgewohnheiten ändern sich auch. Wir sind sportlicher, aktiver oder «straighter», wie man modern sagen würde. Früher war man vielleicht eher behäbig, romantisch und häuslicher. Das spiegelt sich in den süßlichen, schweren Düften wieder. Heute sind sie frisch, jugendlich und kurzlebig.
Sie sind Geruchsforscher. Mit welcher Art von Düften beschäftigen Sie sich?
Hatt: Wir beschäftigen uns weniger mit den Düften als mit den Sensoren, die die Düfte erkennen. Menschen haben 350 verschiedene Rezeptoren, die wir zu entschlüsseln versuchen, mit denen wir alle Düfte dieser Welt wahrnehmen können. Und wir schauen, welche Bedeutung haben sie für den Menschen, wo kommen sie außerhalb der Nase noch vor, und was stellen sie mit unserem Körper an.
Gibt es eigentlich schon alle Düfte?
Hatt: Nein. Es gibt Milliarden von Düften, und davon ist sicher erst ein Bruchteil hergestellt worden. Auch 4711 ist wahrscheinlich eine Mischung aus ein- bis zweihundert verschiedenen Düften.
Wie werden ihre Forschungsergebnisse in der Praxis genutzt?
Hatt: Ganz unterschiedlich. Vor zwei Wochen haben wir herausgefunden, dass bestimmte Tumorkrebszellen auf der Prostata Veilchenduft riechen können. Und wenn man diesen Veilchenduft auf die Tumorzellen gibt, dann stoppt es das Zellwachstum. Solche Dinge werden klinisch genutzt. Mit Düften versucht man, Leute zu aktivieren oder etwas konzentrierter zu machen. Minze wirkt zum Beispiel direkt im Gehirn.
4711 hat ja auch eine minzige Note.
Hatt: Ja, ein bisschen ist da auch drin, aber vor allem hat 4711 sehr viel Bergamotte. Das ist ein Stoff, der eher aktivierend wirkt. Und sehr viel Zitrone ist drin, Düfte, die sehr erfrischend und stechend sind. Das aktiviert einen Warn- und Schmerznerv in unserer Nase. Dadurch werden wir wiederum hellwach. Das ist ein Teil des 4711-Effektes. Er macht munter und sofort etwas aufmerksam.
Manche Menschen sind wahrscheinlich hellwach, weil der Geruch bei ihnen tatsächlich Schmerzen auslöst - weil er für sie so unerträglich ist.
Hatt: Wenn es sehr hoch konzentriert ist, löst er Schmerzen aus. Aber nicht im Duftwasser. Das soll beleben, erfrischend sein und leicht prickelnd. Das ist wie beim Pfeffer, wenn man zu sehr pfeffert, ist es auch schmerzhaft.
Kennen Sie andere Düfte, die sich so lange am Markt halten wie Kölnisch Wasser?
Hatt: Nein, aber der wurde natürlich auch oft imitiert. 4711 ist ja eigentlich schon die Imitation. Es ist einfach ein Duft, der offensichtlich über Generationen weitergegeben wird, und durch diese Vererbung, weil man ihn von den Eltern und Großeltern schon kennt, seinen Reiz bis heute nicht verloren hat. Was toll ist.
Halten Sie Kölnisch Wasser für einen zeitgemäßen Duft?
Hatt: Ich denke, alles ist zeitgemäß, was die Menschen gern riechen. Und solange die Menschen den Duft kaufen, finden sie ihn gut. Er ist vielleicht in seinem Konzept nicht der modernste, aber das bedeutet nichts. Ich denke, früher haben die Menschen auch schon verstanden, tolle Mischungen von Düften herzustellen, die bis heute, wie man sieht, begeistern können.
Haben Sie eigentlich den absoluten Geruchssinn?
Hatt: Nein, ich habe nur einen gut trainierten. Ich habe, glaube ich, keine so gute Nase. Wenn man keinen so perfekten Geruchssinn hat, kann man durch Training viel erreichen. Als Duftforscher geht man den ganzen Tag mit Düften um. Wenn ich in einen Raum komme, dann schaue ich mich nicht nur um, sondern rieche mich auch um. Wenn ich jemandem begegne, versuche ich den nicht nur anzuschauen, sondern auch eine Prise Duft abzukriegen.
Professor Hanns Hatt ist einer der bedeutendsten Geruchsforscher in Deutschland. Der studierte Biologe und Humanmediziner lehrt an der Universität Bochum und beschäftigt sich in seinem Forschungsschwerpunkt der Sinnes- und Neurophysiologie unter anderem mit der Wirkung von Düften. 2008 erschien sein Buch Das Maiglöckchen-Phänomen, in dem er feststellt, dass die Eizelle nach eben jener Blume riecht und Spermien sich durch diesen Duft leiten lassen.
iwi