Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Eine nebensächliche Alltäglichkeit. Um es mit einem Wort zu sagen: Es gibt Dinge, über die sich lohnen - und wenn alle so denken, dann ist es meist schon zu spät. Denken Sie einmal genau darüber nach. Heute: die Kassette.
Musik hören habe ich mir so ziemlich abgewöhnt. Im Tonträgerwust zwischen CD-Spieler, Rechner, externen Festplatten und MP-3-Playern wissen weder meine Boxen noch meine Ohren, wo sie andocken sollen.
Bis vor kurzem gab es einen Ruhepol im alten Ford Fiesta, der noch sein original Kassettendeck durch die Gegend fuhr. Bei jeder Tour ließ er mich in Erinnerungen an die Zeit als Kinderzimmer-DJ schwelgen, als die heile Musikwelt sich noch aus Play-, Record- und Pausetaste zusammensetzte. Aber der Fiesta ist weg, und die Kassette in der Vergangenheit stecken geblieben. Und mit ihr die Musik.
Puristen lieben die schwarze Scheibe, Zeitgeister flogen erst auf den Silberling und schweben jetzt im materiefreien MP3-Himmel. MC-Hörer aber hängen an unseren kompakten Kästchen. Spätestens, wenn wir mit dem Messerchen die fünf feinen Schräubchen entfernt und unsere Feinmotorik beim Positionieren des Magnetbandes auf die Probe gestellt haben, ist die Verbindung fest und die Musik auf dem Band auf ewig mit Stolz über vollbrachte Handarbeit verknüpft.
Ich war 13 und die Beatles-Kassetten meiner Mutter ein ganzes Stück älter, als ich zum ersten Mal erfolgreich mit dem vernudelten Band kämpfte. Seitdem liegen Strawberry Fields Forever in meinem Gehirn gleich neben dem Schweizer Taschenmesser.
Ja, Kassette, dich hatten wir noch im Griff. Mit dem bloßen Finger ließ sich Musik vor- und zurückdrehen. Play war Play, da musste kein Rechner hochgefahren werden, keine Festplatte angeworfen, keine Dateiordner durchwühlt werden. Die Dinger standen im Regal, sichtbar, greifbar und das Ergebnis unserer eigenen Schaffenskraft.
Denn wer kaufte schon Original-Kassetten? Die MC war auch der Tonträger für alle, die sich durch die CD-Regale ihrer Freunde fuchsten und das Beste für sich aufs Magnetband zogen. Und dann am Schreibtisch mit Papier und Schere eigene Cover bastelten. Oder die Nächte damit zubrachten, Medizin für die herzkranke Freundin zusammenzuspulen. Mix, Gemischtes oder Sommer 95 stand da drauf. Irgendwann riss es ab.
Eine Auswahl ist auch beim letzten Umzug mitgekommen. Sie stehen vor der alten Stereoanlage im Schlafzimmer, die auch eigentlich gar nicht mehr richtig funktioniert. Der ganze digitale Kram ist im Wohnzimmer untergebracht. Jede Menge Musik, die ich nicht sehen kann und deshalb auch fast nie höre.
bjm