Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Ins Gesäß hat der Stier einem Spanier sein Horn gerammt, einen Australier erwischte es am Kopf. 44 Verletzte, das ist die Bilanz der heutigen Stierhatz in Pamplona. 2003 gab es den letzten Toten. Aber diese Effekte der wilden Fiesta werden in Kauf genommen.
Am 7. Juli hat der heilige Fermin Namenstag. Fermin ist ein sehr populärer Heiliger, denn Hunderttausende von Menschen in Pamplona grölen immer wieder dieselben Worte: «Uno de enero, cuatro de febrero...» (erster Januar, zweiter Februar), und so fort, bis Juli: «Siete de julio es San Fermin» (am siebten Juli ist der Heilige Fermin). Dabei trinken sie, essen baskische «Pintxos» in Bars und schreien sich fröhlich an. Soweit ein normales Volksfest.
Nein, die Sanfermines sind kein ganz normales Volksfest, auch 83 Jahre später nicht. «21 Verletzte bei erster Stierhatz in Pamplona», hieß es am 7. Juli 2009, das sind die typischen Schlagzeilen dieser Fiesta. Heute waren es 44, und seit 1924 sind 14 Menschen ums Leben gekommen, der letzte 2003. Vielleicht gibt es in diesem Jahr wieder so eine spektakuläre «Cogida» - so heißt das Auf-die-Hörner-Nehmen - wie 2007: Damals drang ein Horn ins Schienbein eines Läufers ein und zeichnete sich bis zum Knie unter der gespannten Haut ab.
Häufig erwischt es waghalsige Ausländer, die sich Mut angetrunken haben und nicht wissen, wie sie sich beim Encierro verhalten sollten: Genügend Abstand von den Stieren halten und eine Zeitung dabei haben, um das Tier abzulenken. Auf geraden Strecken außen laufen, Kurven aber innen nehmen und nach einem Sturz erst aufstehen, wenn sich der Stier entfernt hat.
Dass die Stiere nach dem dreiminütigen Zwangsgalopp durch die Altstadt in der Arena sterben und jedes Jahr von neuem Tierschützer vergeblich dagegen protestieren, gehört ebenso mit dazu, wie die Hörner im Fleisch schaudernd in Kauf genommen werden. Der Grundton bei den Übertragungen im staatlichen spanischen Fernsehen RTVE ist fröhlich - festiv eben. Reflexion ist unangebracht. Obwohl jeder weiß, dass der Spaß tödlich enden kann. Man bespricht sehr ernsthaft den Verlauf, ob die Stiere in der Gruppe zusammen geblieben sind, denn gefährlich sind vor allem vereinzelte, verunsicherte Tiere.
Sieben Tage lang darf sich Pamplona über den Heiligen Fermin freuen, die 200.000-Einwohnerstadt wächst zur Millionenstadt, mit Unterstützung aus der ganzen Welt – und das nicht erst, seit Fernsehbilder das Spektakel verbreiten. Schon in den 1920er Jahren zog es fünf Amerikaner in die Stadt, die auf Baskisch «Iruña» heißt, und sie machten Ernest Hemingway weltberühmt: «Die Fiesta dauerte Tag und Nacht, sieben Tage lang und es schien, als ob nichts während der Fiesta irgendwelche Folgen haben könne.»
1926 erscheint Fiesta, Hemingways erster literarischer Erfolg. Ich-Erzähler Jake, Journalist, reist mit vier Bekannten von Paris ins Baskenland und erlebt die San Fermines. Die zügellose Fiesta mit ihrer bewusst gesuchten, sinnlosen Gewalt ist die ideale Kulisse für die innere Leere dieser heimatlosen Kosmopoliten, denen Hemingway in seinem Buch den Satz voranstellt: «Ihr gehört alle einer verlorenen Generation an.»
Der Wahnsinn beginnt am 6. Juli. «Sonntagmittag, den 6. Juli, brach die Fiesta aus. Es gibt dafür keinen anderen Ausdruck», beschreibt Hemingways Jake. Treffend: Um 12 Uhr ertönt ein Schuss, Chupinazo genannt, und Eier, Mayonnaise und Senf fliegen. Sollte es regnen, und das kann im Baskenland im Juli passieren, ist ein Barbesuch Seite an Seite mit derart duftenden Pamplonensern nur dann erträglich, wenn man es ihnen gleich tut und nicht am Wein spart. Der rinnt aus Lederbeuteln in den Mund.
«Drei von ihnen saßen auf dem hohen Weinfass neben Brett und zeigten ihr, wie man aus den Weinhäuten trinken müsse. Einer bestand darauf, ihr aus einem Glas etwas zu trinken zu geben. Irgendeiner lehrte Bill einen Gassenhauer, sang ihn ihm ins Ohr und schlug den Takt auf Bills Rücken.» Auch auf der Kamera einer jungen Deutschen, die 80 Jahre später in Pamplona unterwegs ist, findet sich später ein Foto: Arm in Arm mit einem zähnefletschend grinsenden Basken.
Doch das rächt sich am nächsten Morgen. Denn Sanfermines-Besucher müssen früh aufstehen: Um 8 Uhr nämlich fällt erneut ein Schuss, diesmal zur Eröffnung des alltäglichen Highlights: Des Encierros, zu Deutsch Einschluss, bei der nach mittelalterlichem Brauch die Stiere auf der 835 Meter langen Route den Menschen nachjagen.
Seit 1591 geschieht dies vom 7. bis 14. Juli zu Ehren von San Fermin, Sohn eines Stadthalters im dritten Jahrhundert, der in Frankreich missionierte. Der Encierro vollzieht das mittelalterliche Treiben der Stiere in die Arena nach. Selbst, wer dieses Spektakel ablehnt – bei einer Reise durchs Baskenland in diesen Tagen ist der Reiz stark, zumindest zu sehen, was da so viel Aufruhr verursacht. Drei Anläufe braucht der durchschnittliche Deutsche, um pünktlich zum Encierro vom Campingplatz in der Stadt zu sein.
Disziplin ist angesagt, am dritten Tag klappt es: Um vier Uhr aus dem Zelt gekrochen, um sechs vor Ort, noch ist die Stadt leer. Einen Platz gesichert, direkt hinter der hölzernen Absperrung gegenüber der Rathausuhr. «Darum schob ich mich durch die Menge an den Zaun. Man stieß mich dicht an die Bretter. Dann rannten plötzlich Leute vorbei. Ein Betrunkener glitt aus und fiel hin. Als ich meinen Kopf durch die Bretter zwängte, sah ich gerade, wie die Stiere aus der Straße herauskamen und in die lange Renngasse einbogen. Sie liefen schnell und holten Raum zwischen sich und der Menge auf. Als die Stiere alle zusammen schwer galoppierend, die Flanken mit Kot bespritzt, mit geschwungenen Hörnern vorbei kamen, schoss einer vor, fasste einen Mann aus der laufenden Menge im Rücken und hob ihn in die Luft. Beide Arme des Mannes hingen seitwärts herunter, sein Kopf fiel nach hinten, als das Horn sich in ihn bohrte und der Stier ihn hoch hob und dann fallen ließ.»
Was Hemingways Jake beobachtet, sehen die Camper nicht. Nach zwei Stunden übermüdeten Wartens sind die Straßen prall gefüllt. Wer wirklich etwas sehen wollte, ist auf Schilder geklettert oder krallt sich in Fenstergitter. Der einstige Logenplatz verkommt zum Kampfplatz um die Sicht. Als es um acht Uhr kracht, sind nur menschliche Gliedmaßen zu sehen. Auch das vorgeschobene Kameraobjektiv hat nur einen behaarten Huf einfangen können.
«Ist was bei dem Encierro passiert», fragt ein Kellner Jake anschließend. «Ein Mann ist schlimm cogido», antwortet der. «Schlimm cogido», wiederholt der Kellner. «Alles aus Sport. Alles aus Spaßvergnügen». Hemingways Kellner scheint der einzige mit klarem Kopf: «Haben Sie gehört? Muerto. Tot. Er ist tot. Mit einem Horn mittendurch. Alles für einen Vormittagsspaß. Es muy flamenco. Das ist nichts für mich», sagt der Kellner. «Das ist kein Spaß für mich.»
ped/news.de