Links, rechts oder rechts, links - Südeuropäer küssen zur Begrüßung, statt Hände auszustrecken. Deutsche küssen Fremde zwar selten, dafür ist verliebtes Knutschen auf der Straße absolut erlaubt, anders als in asiatischen Ländern.
Deutsche Frauen stecken auch Südländern gern beherzt die Hand entgegen. Dabei kann es passieren, dass der sie im Bauch spürt, während er sich gerade zum Kuss vorbeugt – denn Franzosen, Italiener und Spanier küssen zur Begrüßung auch Fremde oder tun zumindest so.
Erst links, dann rechts knallen Spanier ihre Wangen aneinander, und küssen, je nach Zuneigungsgrad, entweder die Luft oder auch mal tatsächlich die Haut. Franzosen machen es genauso, aber manche, vor allem im Pariser Raum, bestehen auf «cuatre fois» - viermal, also links, rechts, links, rechts. Ohnehin sehen sich die Franzosen als große Kussnation: Sie haben schließlich den «french kiss», den Zungenkuss, quasi erfunden.
Vorsicht aber auch mit den Italienern. Denn die gehen ihre Begrüßungs- und Abschiedszeremonie von der anderen Seite aus an: rechts, links. Wer das nicht weiß, trifft sich eben in der Mitte – dann gibt es zumindest schon ein gemeinsames Erlebnis.
Hände schütteln bei den Latinos nur die Männer. In Deutschland hingegen sind Begrüßungsküsse nur unter guten Freundinnen verbreitet oder in der Familie - dann aber wird wenigstens echt geküsst. Aber auch Belgier und Niederländer verteilen zur Begrüßung gern Küsse.
Nun sind die Deutschen nicht gerade Vorreiter in Sachen Küssen, aber hierzulande darf zumindest jeder, wie er mag. In anderen Kulturen hat es die Lippenberührung schwerer. In Japan gilt sie bereits als sexuelles Vorspiel und hat sich gefälligst im Privaten abzuspielen, ähnlich wie in China. In Indien ist der Kuss zwar spirituell aufgeladen, gilt als kosmische Vereinigung – aber bitte nicht vor aller Augen. Dafür bietet das Kamasutra für die Intimität dann aber gleich 30 verschiedene Kussvarianten an.
Wer in Indonesien oder in Malaysia öffentlich küsst, muss mit einer ordentlichen Geldstrafe oder sogar Gefängnis rechnen. Gänzlich verboten ist im Islam die öffentliche Berührung von Frau und Mann – nicht nur Küssen, selbst ein Händedruck ist Tabu. Der Kuss gilt außerhalb der Ehe als unreiner Akt, und im Fastenmonat Ramadan ist er selbst zwischen Verheirateten untersagt.
Aber auch in Europa darf nicht überall wild geknutscht werden. Der Bahnhof von Warrington im Nordwesten Englands hat Küssen-Verboten-Schilder aufgestellt: Damit verliebte Pärchen im Gedränge des Ein- und Aussteigens nicht stören, begründet dies die Bahnhofsverwaltung. Dafür werden die Liebenden angehalten, schon auf den Parkplätzen den ausgiebigen Teil der Verabschiedung abzuwickeln.
Seit 1968 immerhin ist der Film-Zungenkuss in den USA nicht mehr als jugendgefährdend eingestuft. Dafür gibt es Bundesstaaten, die die Länge eines öffentlichen Kusses begrenzen – in Maryland beispielsweise sollte er eine Sekunde nicht überschreiten.
Keine Hemmungen bei öffentlichen Küssen haben hingegen die Sozialisten. Wer kennt ihn nicht, den Bruderkuss zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnew, der als großes Graffiti bis vor kurzem die Reste der Berliner Mauer an der East Side Gallery schmückte. Auch mit Gorbatschow ist Honecker in inniger Vereinigung zu sehen. Die Männer knutschten, um die Verbundenheit der sozialistischen Völker zu demonstrieren.
Manche Naturvölker brechen aus dem Kuss-Schema Mund auf Mund aus: Die Mitakuku in Papua-Neuguinea knabbern stattdessen lieber gegenseitig an ihren Wimpern. Manchmal saugen auch sie an Lippen und Zunge – dann aber richtig: bis es blutet. Im ewigen Eis, bei den Inuit, ist der Mund ein wichtiges Werkzeug. Zuneigung wird mit der Nase ausgetauscht. Beim «Eskimokuss» reiben sich die Riecher nicht nur aneinander, sie schnüffeln auch dabei. Solche Riechküsse tauschen auch die Maori auf Polynesien aus.
Eine europäische Kuss-Eigenheit ist hingegen vom Aussterben bedroht: der Handkuss. Selbst in Wien, einer seiner letzten Bastionen, ist der Gruß «Küss die Hand» mitsamt dem entsprechenden Akt aus der Mode gekommen. Ursprünglich drückte er in gehobenen Kreisen die Ehrerbietung der Dame gegenüber aus – eine dargebotene Hand einfach zu schütteln, wäre ein Sakrileg gewesen. Aber auch die Eigenheit amerikanischer Filmdiven in den 1930er Jahren, dem männlichen Part die zarte Hand fast unters Kinn zu stoßen, ist laut Knigge unfein.
Man kommt sich sanft entgegen. Berührt und geküsst werden darf die Hand ohnehin nur bei verheirateten Frauen. Bei jungen Mädchen wird in die Luft gehaucht - so wie es auch die Südländer letztendlich tun.
juz