Fr., 25.05.12

Bildungsdefizite 30.06.2009 Nicht nur die Schule spielt eine Rolle

Zukunft der Schulkinder (Foto)
Beim Symposium in Leipzig reden Experten über die Zukunft der Schulkinder. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann

Derzeit wird gestreikt, weil das deutsche Bildungssystem zahlreiche Defizite aufweist. Doch es liegt nicht allein an der Schule, dass die Wissensunterschiede der Kinder bisweilen extrem sind.

Beim Leipziger Symposium «Bildung und Wissen» rief der Berliner Professor Hans Bertram Faktoren ins Gedächtnis, die gerade bei der Erforschung und Evaluierung von Bildung oft ins Hintertreffen geraten. Das beginne schon damit, dass kindliche Entwicklung auch durch gesundheitliche Faktoren bestimmt sei. Provokant gab er zu bedenken: «Es nützt nichts, wenn man bei Pisa ganz vorn steht, dafür aber relativ viel säuft.»

Viel zu oft gehe man bislang davon aus, dass die Schule allein soziale Defizite kompensieren könnte. Doch ein Bildungssystem könne nicht für Einkommensunterschiede gerade stehen. Hinzukomme aber auch die Frage der Mobilität. Was auf dem Arbeitsmarkt intensiv gefordert wird, kann auf die Wissen- und Fähigkeitenentwicklung von Kindern negativ einwirken.

Dabei gehe es nicht ausschließlich um die Zuwanderung aus anderen Staaten. Auch innerhalb Deutschlands seien die Wanderungsbewegungen nicht zu unterschätzen. «Familien, die es sich leisten können, ziehen aus den Stadtzentren weg, wenn die Kinder im Schnitt sieben Jahre alt sind», so Bertram. Das führe dazu, dass in die Infrastruktur von Randbezirken enorm investiert wird, dass dabei aber andere städtische Bezirke das Nachsehen hätten – und damit eben auch die Familien, die dort bleiben.

Bertrams klares Beispiel: Kinder in Berlin erreichten kindorientierte Infrastruktur in 15 Minuten, in Mecklenburg-Vorpommern dagegen sind sie täglich zwei Stunden unterwegs, um die Schule besuchen zu können. Dass das Lernen danach schwer falle, sei wenig überraschend. Besserung sei nicht in Aussicht.

Gerade Bundesländer mit starker Abwanderung, etwa Sachsen-Anhalt oder Brandenburg, werden, so der Soziologie, auf Dauer ihre Infrastruktur nicht aufrecht erhalten können. «Und eine Klasse in Brandenburg auf 13 Kinder zu reduzieren, könnte das Land bis zu 20 Millionen Euro jährlich kosten.» Nicht zuletzt weil eben auch die Lehrkräfte mobil sein müssten, um große Distanzen zu überbrücken. Weithin geforderte Ganztagsschulen einzurichten, sei also nicht unproblematisch.

Ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Faktor sei die Lebensweise der Familien. Beim Anteil der Alleinerziehenden liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld. Werfe man einen Blick auf die Verteilung in den Bundesländern, so lebten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern die wenigsten alleinerziehenden Eltern, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern dagegen die meisten.

Und der Anteil der nichtkonventionellen Lebensformen gerade in den neuen Bundesländern nehme zu. Wissenschaftlich sei aber bekannt, dass die Einkinderfamilie scheidungsgefährdeter sei als die Zwei- oder Dreikindfamilie. Beim Vergleich mit den Pisa-Ergebnisse seien das auch die Länder mit den jeweils besseren oder schlechteren Ergebnissen.

«Wir müssen offensichtlich akzeptieren, dass im Bezug auf das Bildungsverhalten von Kindern und Jugendlichen die Lebensform der Eltern einwirkt. Das sind Faktoren die nicht im Bereich der Schule liegen. Und damit auch nicht durch eine Neustrukturierung des Schulsystems behoben werden können.

Ähnliche lassen sich die Argumentation auch im Bereich der Kinder führen, die einen Migrationshintergrund haben. Es sei nicht so, dass sie von frühkindlichen Bildungsangeboten ausgeschlossen seien. «Im Gegenteil. Auch sie besuchen Kindergärten, aber oft einen, der dem eigenen kulturellen Hintergrund entspricht», so Bertram.

Um das deutsche Bildungsproblem zu klären, müsse also ein Wechsel in den Faktoren vorgenommen werden, anhand derer die Probleme geprüft und aufgezeigt werden. «Ohne bei Evaluationen wie Pisa, die soziale Hintergründe der Eltern zwar abfragt, aber nicht bewertet, Faktoren wie Migrationshintergründe, Mobilität und Lebensverhältnisse zu berücksichtigen, werden wir nicht klären, ob die Schule allein für Bildungsdefizite verantwortlich ist.»

Gleichwohl hätten sich Schulen des Problems bereits angenommen und eingestanden, dass sie gerade bei der Ausbildung von Kindern mit Migrationshintergrund neue Wege gehen müssten.

kat
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