Nur ein Jahr lang war Dresdens Elbtal unbedarftes Welterbe. Nach der feierlichen Ernennung 2005 erschien es 2006 auf der Roten Liste. Schuld daran ist der Bau der Waldschlösschenbrücke. Nun entscheidet die Unesco, ob Dresden den Titel verliert.
Deutschland drohen in dieser Woche weltweit negative Schlagzeilen. Das Welterbekomitee der Unesco sitzt im südspanischen Sevilla zusammen. Bei dem neuntägigen Treffen beraten Vertreter aus 21 Ländern - Deutschland ist nicht darunter - über die Vergabe von neuen Welterbetiteln.
Entschieden wird aber auch, welche Kultur- und Naturstätten von der Liste des Welterbes gestrichen werden. Das Dresdner Elbtal muss wegen des Baus der umstrittenen Waldschlösschenbrücke mit dem Verlust der begehrten Auszeichnung rechnen. In der Beschlussvorlage für die Tagung des sogenannten Welterbekomitees ist die Aberkennung des Titels vorgesehen. Das Wattenmeer kann dagegen auf die Auszeichnung hoffen - es wäre die erste deutsche Naturlandschaft auf der Liste.
«Ich bin gekränkt, schockiert und werde in meinem restlichen Leben nicht mehr verstehen, dass so eine Entscheidung notwendig ist», sagt der Vorsitzende des Vereins Unesco-Welterbestätten Deutschlands, Horst Wadehn, gegenüber news.de. «Schuld ist die Sturheit in der Stadt und im Landesparlament, mit entsprechendem Willen hätte man es ganz anders steuern können. Hier kann man wirklich sagen, sie wollten es nicht anders», macht Wadehn seinem Unverständnis Luft.
Die Uno-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation hatte mehrfach kritisiert, dass das Bauwerk das 20 Kilometer lange Elbtal irreversibel zerschneidet und die Kulturlandschaft mit ihren Flussauen zerstört. Seit 2006 steht das Elbtal auf der Roten Liste der gefährdeten Welterbestätten. Trotz der Mahnungen war Ende 2007 mit dem Bau begonnen worden, 2011 soll die Brücke nach bisherigen Plänen fertig sein. Die Stahlkonstruktion soll bereits in den nächsten Tagen in Dresden eintreffen.
Dresden hofft zwar immer noch, dass die Entscheidung noch einmal vertagt wird. Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) ist nach Sevilla gereist, um einen erneuten Aufschub bis zur Fertigstellung des Bauwerks zu erbitten. Es sei bislang nur eine Behauptung, dass die Brücke ein Schandfleck in der Landschaft sein werde.
Orosz beklagte, bislang werde die im Bau befindliche Brücke in der öffentlichen Diskussion zu aggressiv dargestellt. Auch werde ausgeblendet, dass das unter Schutz gestellte Elbtal insgesamt 20 Kilometer umfasse. Wenn die Brücke wie geplant 2011 fertig sei, werde sich zeigen, dass sie auf die Blickkomposition nicht störend wirke, sagte sie. Sollte Dresden der Titel aberkannt werden, wäre dies zwar eine bedauernswerte Situation, die Stadt sei aber stark genug, «mit ihren Pfunden weiter selbstbewusst zu agieren», wie sie es ausdrückte. «Frau Orosz könnte in Spanien einen richtigen Satz sprechen: ‹Ich verfüge hiermit den Stopp des Brückenbaus›», kommentiert Wadehn die Bemühungen lakonisch.
Auch das Auswärtige Amt versprach, sich für das Elbtal einzusetzen. Die Chancen stehen jedoch schlecht. «Wenn die Konstruktion der Brücke nicht gestoppt und der Schaden gutgemacht wird, wird (das Elbtal) 2009 von der Liste des Welterbes gestrichen», erklärte die Unesco im vergangenen Jahr.
Ein Tunnel wäre noch immer machbar, meint der Sprecher des Umweltverbandes Grüne Liga Sachsen, Achim Weber. Dafür fehle in Sachsen aber offenbar der politische Wille. Er befürchte, dass die Verantwortlichen erst aufwachten, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen sei. «Wenn die UNESCO den Titel aberkennt und es nicht gelingt, die Flusslandschaft mit einem Schutz zu belegen, haben wir einen Dammbruch, dass ins Elbtal hineingebaut wird», befürchtet Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD).
Als letzte Möglichkeit wird in Dresden bei den Kritikern der Brücke nun ein Mediationsverfahren angesehen. Es sei denkbar, dass die Unesco Dresden noch eine weitere Chance geben könnte, wenn die Bundesregierung ein solches Verfahren mittragen würde, hieß es.
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hatte die Unesco 2007 einen Welterbetitel aberkannt. Das arabische Land Oman hatte die Verkleinerung eines Naturschutzgebiets um 90 Prozent beschlossen, weil es in der Region Erdgas und Öl fördern will.
Die Chancen des Wattenmeeres auf den Welterbetitel stehen derweil gut. Die Aufnahme des Feuchtgebiets als eine der letzten ursprünglichen Naturlandschaften Mitteleuropas hatten der Bund, die Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie die Niederlande beantragt. Gibt es ein «Ja» aus Sevilla, stünde das Watt auf einer Stufe mit so bekannten Naturwundern wie dem Great Barrier Reef, dem Grand Canyon, den Galapagos-Inseln oder dem Serengeti-Nationalpark.
Die Stadt Stuttgart setzt sich für einen Welterbetitel für die Weißenhofsiedlung ein. Zwei der Gebäude sind gemeinsam mit 21 weiteren Bauwerken des französischen Architekten Le Corbusier in Frankreich, Argentinien, Belgien und Japan für das Weltkulturerbe nominiert.
Diskussionen gab es bis zuletzt über das Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Rheinland-Pfalz will in diesem Jahr die Entscheidung über einen Brückenbau treffen. Vom Welterbekomitee erhofft es sich eine klare Stellungnahme dazu, ob das Bauwerk mit dem Welterbetitel vereinbar ist.
Die Unesco hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kulturleistungen der Menschheit und Naturphänomene von «außergewöhnlich universellem Wert» zu erhalten. Weltweit sind 878 Stätten in 145 Staaten auf der Welterbe-Liste verzeichnet, darunter 33 in Deutschland. Zuletzt wurden 2008 die Siedlungen der Moderne in Berlin aufgenommen, die einen neuen Typus des sozialen Wohnungsbaus aus der Zeit der klassischen Moderne darstellen.
iwi/iwe