Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Dresden steht kurz davor, den Status Weltkulturerbe zu verlieren. Olivier Berthod schreibt seine Doktorarbeit über den Fall Waldschlösschenbrücke. Er erklärt news.de seine Theorie, nach der geheimnisvolle Gründe die Stadt von einem Umschwenken abhalten.
Warum ist die Idee von der Brücke so stark, dass sie kein Einlenken erlaubt?
Berthod: Das liegt an den zeitlichen Perspektiven. Die Idee von einer weiteren Elbbrücke existiert in der Stadt seit fast 100 Jahren. Die für ein Weltkulturerbe erst seit 1988. Somit ist die Überquerung im Bewusstsein stärker präsent. 1994 kam sie dann mit dem Verkehrsplan wieder auf den Tisch. Das Projekt hat ein Gewicht entwickelt, das mit den Erwartungen der Unesco kollidiert. Irgendwie denkt jeder spontan an eine Brücke, wenn Überquerungen in Frage kommen. Irgendwann hat man sich dann entschieden. Es war zwar immer ein Konfliktthema, aber 70 Prozent der Leute war damit einverstanden.
Dann war das Brückenprojekt also schon bekannt, als die Unesco Dresden auswählte?
Berthod: Da ist einiges schiefgelaufen. Die Stadt hat den Plan nicht verheimlicht, aber in dem Bericht, der zur Entscheidung vorlag, stand, die Brücke solle 5 Kilometer flussabwärts, außerhalb des Zentrums entstehen. Das wäre eine vernünftige Distanz gewesen. Tatsächlich liegt sie aber 2,5 Kilometer flussaufwärts, mitten in der breitesten Aue, und teilt das Tal in zwei Hälften. Es gab also Kommunikationsprobleme im Nominierungsverfahren.
Warum wurde die Alternative eines Tunnels nie wirklich in Erwägung gezogen?
Berthod: Am Anfang der Planungen entstand eine Studie, aber die wurde nicht weiter verfolgt. Als die Unesco ins Spiel kam, wurde die Option wieder interessant. Sie wäre physisch immer noch möglich. Was die Kostenrechnung betrifft, ist der Tunnel zunächst zwar teurer, langfristig aber nicht. Denn das Unesco-Siegel hat einen touristischen Wert, außerdem ist damit der Zugang zu Fördergeldern einfacher, um das Gebiet zu schützen.
Das heißt, obwohl eigentlich ein anderer Weg möglich wäre, wird der nicht gegangen?
Berthod: Ja. Rein rational kann man ein Projekt immer ändern. Hier wird zum Beispiel argumentiert, dass schon so viel Geld investiert wurde, «da müssen wir es auch zu Ende bringen». Das ist eine sehr charmante Idee, die aber wenig Sinn macht. Das Geld kommt sowieso nicht zurück. Als dann die Vorwürfe aus Paris kamen, und es darum ging, es anders zu machen, fiel es den Verwaltungen schwer, zu reagieren. Ich glaube nicht, dass sie die Unesco ärgern wollen. Man kann aber vermuten, dass sie in ihren Entscheidungen blockiert sind. Da liegt das Geheimnis, das ist die Black Box.
Eine Umfrage unter den Dresdner hat ergeben, dass nur 41 Prozent der Meinung sind, der Welterbetitel sei für die Stadt unverzichtbar. Denken Sie, dass Dresden die Unesco-Auszeichnung nicht so wichtig ist?
Berthod: Es passiert immer wieder, dass das Welterbekomittee Städte auf die Rote Liste stellt. In der Regel reicht die Drohung, damit die Verwaltungen sich bemühen, das Problem auszuräumen, zum Beispiel bei den geplanten Hochhäusern am Kölner Dom. Bisher ist es nur einmal passiert, dass tatsächlich ein Welterbe von der Liste gestrichen worden ist: In Oman wurde das Naturschutzgebiet um 90 Prozent reduziert. In Dresden ist die Meinung gespalten: Vertreter der Brückenlösung sagen, wir können das verkraften, es bleibt eine schöne Stadt, auch ohne den Titel. Das kann man nicht bestreiten, Dresden verschwindet dadurch nicht. Aber es ist ein bisschen kurzfristig gedacht. Und es gibt auch viele Protestaktionen, wie die Aktion «Tor der Barbarei».
Was für Konsequenzen hätte der Verlust des Welterbeprädikats?
Berthod: Es besitzt ja in Deutschland nicht nur Dresden dieses Siegel, sondern auch eine Menge anderer Städte, und viele andere bewerben sich. Deshalb kann es für das Land problematisch sein, wenn man sieht: So geht Deutschland mit dem Kulturerbe um. Damit wird nicht nur Dresden bestraft, sondern auch andere.
Wie, glauben Sie, wird die Unesco entscheiden?
Berthod: Das Welterbekomittee selbst hat gar nicht so viel Kraft. Es gibt ja auch kein Geld für die Stätten, es ist eine rein gesellschaftliche Bedeutung. Für das Komitee ist es eine Frage der Autorität, ob sie an Gewicht behalten wollen. 2008, als die Stadt schon angefangen hatte zu bauen, hat man gesagt, «wenn ihr weitermacht, seid ihr raus». Wenn sie jetzt trotzdem sagen, «ihr bleibt», ist das nicht mehr vertretbar. Es ist eine Imagefrage für das Weltkulturerbe. Ich wünsche Dresden nicht, dass sie den Titel verlieren, aber auch der Unesco nicht, dass sie damit umgehen wie mit einem Marketingartikel.
Olivier Berthod kommt aus Paris und hat dort Organisations- und Betriebswissenschaft studiert. Seit einiger Zeit setzt er sich mit der Bewirtschaftung von Weltkulturerbestätten auseinander. Derzeit arbeitet er an einem Berliner Graduiertenkolleg an seiner Doktorarbeit.
Dieses Brücken-Monster dürfte für alle Dresdener wohl eher peinlich sein. Können die Herren eigentlich keine Brücke im historischen Stiel bauen, oder auch einen Tunnel?
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