Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Bundesweit wird derzeit für eine bessere Bildung gestreikt. Mit dabei sind Leipziger Studenten. News.de sprach mit Dorothee Riese darüber, warum auch Sachsen aus studentischer Sicht ein Bildungsproblemland ist.
Frau Riese, warum gehen Sie und ihre Studienkollegen auf die Straße?
Riese: Einer der Gründe ist das Hochschulgesetz, das im Januar in Kraft getreten ist und erhebliche Demokratiedefizite hat. Mit den neuen Regeln sind zahlreiche Mitbestimmungsrechte auf allen Hochschulebene abgebaut worden.
Worum genau handelt es sich?
Riese: Änderungen in Dokumenten wie der Studien- und der Prüfungsordnung sind vorher durch verschiedene Gremien gegangen. Jetzt werden sie nur noch von Einzelinstanzen geprüft und entschieden. Damit lassen sich studentenunfreundliche Entscheidungen viel leichter durchdrücken. Und die Gremien, die entscheiden dürfen, wurden verkleinert. In Senat sitzen beispielsweise nur noch 21 Mitglieder, vorher waren es mehr als 30. Das geht auch zu Lasten der studentischen Stimme. Denn statt sieben Vertretern, gibt es nur noch vier. Das heißt, sich gegen eine Tendenz zu stemmen, wird dadurch schwieriger. Andererseits haben Instanzen Entscheidungskompetenzen bekommen, die überhaupt keinen Einblick in die Universitätsabläufe haben.
Welche wären das?
Riese: Mit dem neuen Hochschulgesetz ist ein externer Hochschulrat etabliert worden. Dem gehören verschiedene Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik an. Keiner von ihnen hat aber einen Innenblick auf die Uni. Sie dürfen aber beispielsweise über den Wirtschaftsplan der Hochschule entscheiden. Das war zuvor Aufgabe des Senats, der auch die Fakultäten repräsentiert hat. Die Einflussmöglichkeiten von außerhalb sind damit enorm.
Diese politischen Aspekte sind nur eine Seite des Problems. Womit schlagen sich die Studenten herum, wogegen es sich zu streiken lohnt?
Riese: Mit dem Bologna-Prozess. Die Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse hat nicht nur eine enorme Prüfungslast mit sich gebracht und das Studium unflexibler gemacht. Wir haben in Leipzig zudem ein sehr kreatives Modell mit Wahlbereichen. Das könnte theoretisch schön funktionieren, sich in jedem Semester einen Schwerpunkt herauszusuchen und entsprechende Seminare zu belegen. Praktisch ist es ein Fehlschuss.
Wo liegen die Ursachen?
Riese: Der Hochschulpakt ist so angelegt, dass die Hochschulen ihre Studentenzahlen halten und dafür Sondermittel bekommen. In Leipzig wirkt sich das negativ aus, weil sich die Planzahlen am Jahr 2005 orientieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte Leipzig absolute Spitzenwerte bei den Neueinschreibungen. Das fällt der Uni nun auf die Füße. Billige Studiengänge wie die Geisteswissenschaften werden nun mit Studenten vollgepumpt. Es genügt aber nicht, Studenten in einen freien Raum zu stecken und ihnen ein Buch in die Hand zu drücken. Wir brauchen für ein effektives Studium auch Lehrkräfte. Ich selbst habe auch schon um 7.30 Uhr eine Übung mit 70 Studenten besucht. Wirklich studieren lässt sich dabei nicht. Die Lehrerstudenten trifft es sogar noch härter.
Weshalb das?
Riese: Weil die Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem hier völlig fehl am Platz ist. Wer Lehrer werden will, der kommt mit einem Bachelor nicht weit. Denn niemand darf mit diesem Abschluss unterrichten. Wer also wirklich Lehrer werden will, der muss einen Master machen. Die Zahl der Masterstudienplätze reicht aber bei weitem nicht aus, damit jeder Lehrerstudent auch die nötige Lehrqualifikation absolvieren kann.
Dorothee Riese studiert an der Universität Leipzig Politikwissenschaft. Seit Oktober 2008 engagiert sie sich als Sprecherin des StudentInnenrates für die Belange der rund 33.000 Studenten.
kat