Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Deutschland sieht sich einer Streikwelle gegenüber. Das liegt nicht nur an den Erziehern, die für eine Verbesserung ihrer Arbeitssituation kämpfen. Auch Schüler und Studenten setzen jetzt ein Signal. Sie protestieren gegen die Bildungsmisere.
«Anlass war der Schulstreik vom November vergangenen Jahres, auf den die Politik nicht reagiert hat», sagt Jared Herbing. Der Zwölfklässler geht in Berlin zur Schule und gehört zu den Aktiven im bundesweit ausgerufenen Bildungsstreik. Mit Nachdruck wolle man nun noch einmal auf die Bildungsprobleme im Land hinweisen. Dabei gehe es aber nicht nur ums Geld.
«Es wird immer so getan, als seien die bereits geschnürten Pakete die Rettung für Schulen und Hochschulen. Dabei geht es doch aber nur um bauliche Maßnahmen an den Gebäuden und die Förderung von Exzellenzinitiativen», moniert Herbing. Schüler und Studenten würden davon kaum profitieren.
«Es ist höchste Zeit für eine Kehrtwende in der Bildungspolitik», stellte Ulrich Thöne, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft klar, der die Streiks unterstützt. «Während über Nacht hunderte Milliarden Euro für die Rettung der Banken und der Automobilindustrie bereit gestellt werden, tun sich Bund und Länder schwer, wenn es um die dringend erforderlichen Zukunftsinvestitionen in die Bildung geht.»
Für die Protestler geht es dabei auch um eine stärkere Mitbestimmung. «Wir Schüler gehen auf die Straße, weil Klassengrößen mit 30 Schülern nicht vertretbar sind», sagt der Zwölfklässler. Zudem sei eine demokratische Mitwirkung der Schüler an der Unterrichtsgestaltung und bei der Aufstellung von Lehrplänen wichtig. Auch beim Notensystem bestehe Handlungsbedarf. «Wir lernen nur noch für Klausuren und Tests, aber nicht mehr für das Leben», kritisiert der Gymnasiast.
Statt später nutzlose Integralrechnung in Mathematik oder die Analyse von Novellen im Deutschunterricht zu pauken, seien Kompetenzen wir Rhetorik und gewaltfreie Kommunikation wichtiger. Insgesamt müssten Schüler viel freier darüber entscheiden dürfen, was sie lernen wollen, fordert Herbing.
Unterstützung bekämen die Schüler von vielen Lehrern. Fehlstunden würden nicht vermerkt, andere gäben Tipps für Forderungen, mit denen sich die Bildung im Land verbessern ließe. Doch das sei nicht überall der Fall. Repressionen seitens Schulleitungen habe es ebenfalls gegeben. Schulleitungen hätten gedroht, so Herbing, Schülern Verweise zu erteilen, die sich am Bildungsstreik beteiligen. An anderen Schulen seien die Türen verschlossen worden, damit die Schüler die Bildungsstätten nicht verlassen konnten.
Der Einfluss, den die Bildungsstreikenden ausüben wollen, dürfte in der Wirtschaft auf wenig Gegenliebe stoßen. Doch Herbing sagt: «Wir sind kein Humankapital und wir wollen es auch nicht sein. Wir wollen aufs Leben vorbereitet werden.» Es sei nicht so, dass Schüler nichts lernen wollten. Aber es müsste viel stärker auch auf die Interessen eingangen werden. «Davon würde auch die Wirtschaft profitieren», ist Jared Herbing überzeugt. Seiner Einschätzung zufolge kämpfe der Mittelstand bereits mit den Folgen des herrschenden Bildungssystems. Viele Schüler könnten gar nichts, würden kaum Wissen in die Ausbildung mitbringen. «Ganz einfach, weil das, was sie für Prüfungen lernen, darüber hinaus nicht hängen bleibt.»
Vorstellen könne man sich unter Berliner Schülern ein Bildungssystem nach amerikanischem Vorbild. «Was wir vor allem wollen, ist ein eingliedriges Schulsystem, bei dem es keine Selektion mehr gibt», betont Jared Herbing. Dieses könnte bis zur vierten oder bis zur sechsten Klasse grundlegende Pflichtfächer enthalten. Darüber hinaus sei aber die freie Gestaltung des Lernens wesentlich.
Noch bis zum Freitag wird es den Bildungsstreik geben. Die Initiatoren, das Bündnis «Bildungsstreik 2009», rechnen mit mehr als 150.000 Teilnehmern bundesweit. Allein in Berlin werden bis zu 20.000 Schüler und Studenten erwartet, die sich an den Demonstrationen beteiligen.
Neben zahlreichen Demonstrationen und Kundgebungen planen die Initiatoren auch Aufmerksamkeit erregende Aktionen. Dazu gehöre die Aktion «Banküberfall». «Schüler und Studenten werden eine Bank besetzen und die Bankleiter dazu auffordern, das Geld, das ihnen als Rettungspaket staatlich zugesichert wurde, an die Bildung weiterzugeben.» Damit solle zum Ausdruck gebracht werden, dass Bildung vor allem andere Priorität haben sollte.
kat