Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Wenn es irgendwo nicht kriselt, dann bei den Singlebörsen im Internet. 20 Prozent mehr Nutzer hier, in die Höhe schnellende Umsätze dort - die Frage ist: Wie kommt´s? Eine These meint, in der Unsicherheit suchen wir Halt aneinander.
Wer menschliche Nähe sucht, setzt sich heutzutage an den Computer. Umso mehr, wenn das Portemonnaie für Kneipen-, Disko- und Konzertbesuche gerade wenig hergibt. Den Ausweg aus der tristen Wirklichkeit suchen Alleinstehende im Netz, und die Singlebörsen boomen.
Eine Milchmädchenrechnung, die aufzugehen scheint. Harte Zahlen und die Analyse der menschlichen Psyche, die einige Soziologen und Psychologen sich vorgenommen haben, sprechen dieselbe Sprache: «Seit dem Herbst sind unsere Anmeldezahlen um 20 Prozent gestiegen», sagt Anna Kalisch, Sprecherin der Partneragentur Elitepartner.de.
Als Redakteurin des hauseigenen Magazins hat sie sich auf die Suche nach Gründen gemacht und ist auf die Studie des Sexualforschers Jakob Pastötter gestoßen. Das Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit sei durch die Rezession gestiegen, bestätigt dieser.
«Die ganze Lage ist unsicherer, und wenn alles ins Wanken gerät, besinnt man sich auf die Werte, die wirklich wichtig sind, wie eine Beziehung», fasst Kalisch gegenüber news.de ihre Recherche zusammen. Um die Einschätzung zu untermauern, untersucht Elitepartner.de derzeit in einer Studie, wie sich die emotionale Situation in der Krise verändert.
Überproportional steil führt der Weg auch bei Neu.de nach oben, das neben dem gleichnamigen Dating-Portal seit dem Herbst auch die Online-Partnervermittlung Partner.de betreibt. Bei der Krise möchte sich Neu.de-Sprecher Christian Henne jedoch nicht dafür bedanken. «Die Zuläufe hängen von vielen Faktoren ab. Werbedruck, saisonale Unterschiede, und dann ist der Datingmarkt ohnehin ein Wachstumsmarkt. Die Steigerungen sind bei uns sehr sehr hoch, und wir sind absolut zufrieden. Einen Boom wegen der Krise merken wir jedoch nicht», betont er.
Tatsächlich suchen und finden zunehmend mehr Leute jemanden im Internet. 1,3 Millionen Deutsche haben ihren Lebensgefährten virtuell getroffen, hat der Hightech-Verband Bitcom in einer repräsentativen Studie herausgefunden. Insgesamt lernten demnach 16,7 Millionen Menschen online andere Menschen kennen. Eine andere Bitcom-Studie stellte fest, dass der Umsatz der deutschen Singleportale auch 2007 um ein knappes Drittel stieg – was nahelegt, dass der Internet-Singlemarkt sich auch ohne Krise im stetigen Aufwärtstrend befindet.
Auch Henning Wiechers, der auf einer eigenen Website Singlebörsen vergleicht, glaubt nicht so recht an den großen Emotionsschub durch die wirtschaftliche Depression. Er hat die Umsätze der deutschen Portale verglichen und eine Steigerung von 20 Prozent zu 2008 festgestellt. «Die Zahlen der Nutzer sind in den letzten zwei Jahren allerdings relativ konstant bei sieben Millionen geblieben. Aber die Portale werden immer besser darin, von den Leuten Geld zu nehmen, das wird immer normaler», begründet er die Gewinnsteigerungen.
Den Zulauf, den viele Singlebörsen und Partnervermittlungen tatsächlich verzeichnen, sieht er wie Christian Henne vor allem in der Stellschraube Werbung und den derzeit günstigen Preisen dafür begründet. Dass die Leute in der Krise wirklich enger zusammenrücken, überzeugt ihn nicht so recht. Aber einen Zusammenhang zwischen Krise und Partnersuche kann Henning Wiechers sich schon vorstellen: «Ich denke eher, wenn die Leute bei Kurzarbeit zuhause sitzen, ist ihnen einfach langweilig», vermutet er.
iwe