So., 12.02.12

Naturvölker Schweine statt Scheine

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Artikel vom 29.05.2009

300 Millionen Menschen leben noch so, wie ihre Ahnen vor Jahrtausenden. Sie haben sich erfolgreich vor der Zivilisation versteckt und durchlöchern lieber ihre Lippen als Stammeszeichen, als einen Ausweis bei sich zu tragen. Aber ihr Lebensraum wird immer enger.

In Papua-Neuguinea sind Schweine, was für uns Münzen und Scheine. Die Naturvölker der Inselgruppe verehren das Tier als Kult und verwenden es als Währung. Gegessen wird es nur zu ganz besonderen Anlässen. Auf der anderen Seite der Erdkugel machen es die Massai in Kenia mit ihren Rinderherden nicht anders. Ein Berggebiet auf dem australischen Kontinent und die afrikanische Trockensavanne verbinden ähnliche gesellschaftliche Grundprinzipien.

Die Zoé-Indianer in Brasilien treiben sich Pflöcke durch die Lippen, die im Laufe des Lebens immer dicker und länger werden. Wer kein Stäbchen trägt, ist kein Stammesmitglied, kein vollwertiger Mensch. Bei den Surma in Äthiopien sind es Holzteller, die als Stammessymbol die Unterlippen schmücken - noch eine soziokulturelle Parallele über Tausende von Kilometern hinweg. Es sind ähnliche Grundmechanismen naturnaher Stämme, die jedoch in ihrer jeweiligen Ausprägung «die höchste kulturelle Vielfalt bilden, die es gibt», wie Steffen Keulig betont, der Vorsitzende des Vereins Freunde der Naturvölker (FdN).

Naturvölker, indigene Völker, Ureinwohner – es gibt auf der Erde derzeit noch rund 300 Millionen Menschen, die leben wie ihre Vorfahren vor Jahrtausenden. Sie haben ihre Sprache, Lieder, Heilkräuter und Essensweisen gegen den Einheitsbrei der westlichen Zivilisation bewahrt. Ihre Gesellschaften fußen auf der Logik des Überlebens. Deshalb kann bei den Swahili oder den Massai in Kenia eine Frau mehrere Männer haben. Wenn sie schwanger wird, gibt es verschiedene potenzielle Väter, was die Überlebenschancen des Kindes erhöht.

Für die Überlebenschancen ganzer Völker kämpfen die Freunde der Naturvölker als deutsche Sektion der Friends of Peoples close to Nature (fPcN). Sie organisieren Kampagnen, leisten direkte Überlebenshilfe oder kaufen Land für isoliert lebende Völker.

Fünf Völker gelten in Südamerika derzeit als extrem gefährdet, darunter die Awá in Brasilien, die von Holzfällern, Rinderfarmern und Siedlern verdrängt werden. Auf dem Gebiet des größten südamerikanischen Landes lebten vier bis sechs Millionen Menschen, als die spanischen und portugiesischen Kolonialisten anlegten. Heute leben noch rund 700.000 Nachkommen der brasilianischen Ureinwohner. 1500 Völker wurden ausgelöscht, es bleiben 50. Früher wurden sie versklavt, ermordet, von Krankheiten dahingerafft. Heute ist das Leiden meist subtiler. Beim Versuch, sich in die Zivilisation einzugliedern, bleiben sie am äußersten Rand der Gesellschaft hängen, leben in bitterer Armut, die oft direkt zum Tode führt oder in den Selbstmord.

Die staatliche Behörde Funai versucht deshalb in Brasilien, Schutzgebiete zu schaffen. «Da kommt, zumindest auf dem Papier, keiner rein. Die Indigenen aber können raus und an der Mehrheitsgesellschaft teilnehmen, wenn sie wollen», erklärt Steffen Keulig. Der Menschenrechtsaktivist hält dies für eine optimale Lösung, das Überleben der Naturvölker zu sichern.

Rund 5000 solcher Völker sind noch über die Kontinente verstreut. Die Hälfte von ihnen läuft laut Worldwatch Institute bis Mitte des Jahrhunderts Gefahr, zu verschwinden. Gefährdet sind sie vor allem, weil sie in ressourcenreichen Gebieten leben. Wer sich nicht freiwillig zurückzieht, läuft Gefahr, brutal vertrieben zu werden. Wie drei indigenen Gruppen in Peru, für deren Existenz derzeit 30.000 Menschen demonstrieren. Auch sie gehören zu den bedrohten Völkern. Die Regierung hat Gesetze erlassen, um die Ölressourcen des Regenwaldes zu erschließen. Ein US-Unternehmen versucht nun, die Menschen mit bengalischen Feuern und Megaphonen zu vertreiben.

Internationale Abkommen, um indigene Völker zu schützen, gibt es durchaus. Das weitreichendste ist die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation Ilo. «Es gibt Mechanismen, aber die Implantierung in den Ländern lässt zu wünschen übrig», sagt Steffen Keulig. Auch Deutschland hat das Abkommen bislang nicht ratifiziert.

Was nicht heißt, dass totale Isolation als die einzige Chance gilt, die überlieferte Lebensweise zu erhalten. Längst nicht alle Naturvölker leben noch komplett zurückgezogen. Für die Kinder der Hatzabe in Tansania zum Beispiel baut die FdN 50:50-Schulen auf: Die eine Hälfte des Lernstoffs sind die Standards, um in der westlichen Welt zurechtzukommen. Die andere Hälfte das Erbe ihrer Kultur. «Bisher wurde gebetsmühlenartig der Ansatz verfolgt, sie brauchen nur westliche Schulbildung, dann geht es ihnen besser. Das ist gescheitert», findet Steffen Keulig. Die Lösung soll, wie so oft, die goldene Mitte sein.

iwe
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Naturvölker: Schweine statt Scheine » Gesellschaft » Nachrichten

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