Innenansicht ohne Opferklischee
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Artikel vom 05.06.2009An einem Pfeiler hängen lilafarbene High Heels. Auf den Stufen zum Altar stehen Stiefel, roter Lack. Weil 1975 in Frankreich Prostituierte in einer Kirche Schutz fanden, lässt die Beratungsstelle Hydra Texte zur Sexarbeit in der Zwölf-Apostel-Kirche lesen.
Es ist ein großes Thema. Vielleicht eines der größten der Welt. In der Apostelkirche hat sich am Dienstagabend ein Teil davon getroffen, zum Internationalen Hurentag. Der steht nicht im Kalender, aber für die Frauen im Sexgewerbe ist es ein wichtiges Datum. Vor 24 Jahren verbarrikadierten sich Prostituierte in Lyon vor der Polizeigewalt in einer Kirche und fanden die Unterstützung von Pfarrer und Bevölkerung. Trotzdem stürmten die Ordnungshüter nach acht Tagen das Gotteshaus.
Deshalb ist der 2. Juni ein Tag, an dem die Berliner Sexarbeiterinnen, wie sie sich selbst am liebsten nennen, Klischees bekämpfen und die vielen Wahrheiten des «ältesten Gewerbes» erzählen wollen. Pfarrer Andreas Fuhr spricht als erster. «Weil Jesus im Verhältnis zu Prostituierten viel unverkrampfter, freier und liebevoller war, als die Kirche in ihrer Geschichte», öffnet er sein Haus an diesem Abend für Huren, Freier, Strichjungen und Zuhälter. Und für die Menschen, die wissen wollen, was wirklich passiert.
Die Schauspieler Ulrike Johannson und Thor W. Müller sprechen eindringlich, oft auch ein bisschen ironisch und hintergründig, wenn sie Sylvia sind, die seit 30 Jahren am Hamburger Fischmarkt anschafft, Callboy John aus Stuttgart oder Ronny, der ausgestiegene Zuhälter. Sie lesen Texte, die aus Interviews entstanden sind und von Elisabeth von Dücker in dem Buch Sexarbeit – eine Welt für sich zusammengefasst wurden.
Seit dem Prostitutionsgesetz von 2002 ist Sexarbeit eine Erwerbstätigkeit nach Artikel 12, Absatz 1 des Grundgesetzes. Damit werden die Vereinbarungen zwischen Prostituierter und Kunde rechtswirksam und es ist theoretisch möglich, Sexarbeiter sozialversicherungspflichtig anzustellen. Praktisch kommt das kaum vor, Prostituierte, die einen geregelten Status haben, sind Selbstständige.
Dass alle im Sexgewerbe arbeitenden Personen auch ein Gewerbe anmelden, ist eines der Ziele von Hydra. Die Berliner Beratungsstelle für Prostituierte hat sich nach der neunköpfigen Schlange aus der griechischen Mythologie benannt, der zwei Köpfe nachwachsen, wenn man einen abschlägt. Die Beratungsstelle will ähnlich unschlagbar sein und lebt inzwischen seit 29 Jahren. Die meisten Hydra-Frauen haben ihre eigene Geschichte, und jetzt beraten sie Frauen zu ihrer rechtlichen Situation und geben Hilfestellung beim Ausstieg aus der Szene oder bei Steuerfragen.
Und sie beraten auch über den Einstieg ins Gewerbe. «Das ist keine Vermittlung», betont Hydra-Beraterin Simone Kellerhoff. Sie klären die Frauen, die zu ihnen kommen, darüber auf, was sie erwartet. «Vor allem über die Arbeitsrealität. Die wenigsten wissen das genau.»
«Man weiß nie, bei wem man einsteigt. Steht ja nicht dran, ob es ein Mörder oder Vergewaltiger ist», spricht Ulrike Johannson für die Hamburger Hure Sylvia. «Mein Sohn hat nie davon erfahren, ich habe es 29 Jahre lang gut versteckt. Wie man sich damit fühlt?» Das Gesetz hat sich geändert, aber die Moral der Gesellschaft erkennt immer noch nicht an, «dass eine Hure ein Geschäft macht, wie jeder Arbeiter und jede Bürotante», sagt Sylvia.
Von Doppelmoral spricht die Berliner Bordellbesitzerin Felicitas. Sie hat auf die Entstehung des Prostitutionsgesetzes eingewirkt und findet, dass viele Ehen nur dank des Gewerbes zusammengehalten werden. «Weil die Männer die Sexleistungen zuhause nicht bekommen.»
«Ca. 1 Million Kunden täglich» läuft über die LCD-Anzeige links vorn im Kirchenraum, auch, dass jedes Jahr in Deutschland geschätzte 14,5 Milliarden Euro für Sex den Besitzer wechseln, erfährt der Zuschauer in der Zwölf-Apostel-Kirche. Dass es schnelles und leicht verdientes Geld ist, mit diesem Mythos räumt Hydra bei ihren Einstiegsgesprächen auf. «Im Alltag sitzen die Frauen acht Stunden im Bordell, in einem engen Raum, und jedes Mal, wenn es klingelt, springen alle auf und stellen sich dem Kunden vor. Es kann passieren, dass sie zwei, drei Tage sitzen, ohne Geld zu verdienen», erklärt Simone Kellerhoff. Und wenn sie tagelang keinen Kunden hatten, wird es immer schwieriger, sich dem Wunsch zu widersetzen, es ohne Kondom zu machen.
«Bis 1990 ging alles ohne Gummi. Heute anal immer mit Gummi. Blasen ja, schlucken nein. Bei Männern ist es ein bisschen anders als bei den Frauen. Bei uns ist alles drin, französisch, küssen, streicheln. Mit Verkehr kostet 200 Euro», deklamiert Thor W. Müller die Worte von John. Früher internationaler Callboy, hat er nach dem Prostitutionsgesetz als einer der ersten in Stuttgart offiziell ein Gewerbe angemeldet. Seine Jungs können wählen, ob sie selbstständig oder angestellt sein wollen.
Sexarbeit und Zwang in einen Topf zu werfen, versperre den Blick auf die Rechte, betont Elisabeth von Dücker. «Sexuelle Dienstleistungen, das ist legaler Verkauf unter Erwachsenen. Frauenhandel ist Menschenrechtsverletzung und Verbrechen», betont sie. «Krank sein gab´s nicht. Er war ein extrem mieses Exemplar, ein Psychopath, ich hatte nur noch Angst. Von der vielen Kohle hab ich nichts gesehen, und bunkern, da hatte ich einen Bammel, das macht man einmal und nie wieder», lässt Ulrike Johannson Katrin sagen. Sie war in der Disko von einem Zuhälter aufgegabelt worden und hatte sich in ihn verliebt. Es gelang ihr, sich freizukaufen. Wenn sie nochmal anfangen könnte, würde sie Streetworkerin werden und Frauen unterstützen, die aussteigen wollen.
Ronny ist ausgestiegen. In dem Buch Sexarbeit – eine Welt für sich lässt sich nachlesen, dass er im Knast Konditor gelernt hat und nun bei der Diakonie arbeitet. «Ich habe das Geld geliebt, war in einer Bande von Zuhältern. Die Gemeinschaft der Jungs war wichtig, die Mädels nur Geldgeber. Irgendwann haben wir angefangen, uns Autos zu kaufen, Porsche, Ferrari, einer wollte besser sein als der andere», zitiert ihn der Schauspieler Thor W. Müller.
Eine Innensicht ohne Opferklischee und Zeigefinger bietet Elisabeth von Dücker mit ihrem Buch und der Lesung an: «Es ist eine Erwerbsarbeit wie andere auch, aber kein Beruf wie jeder andere. Dafür gibt es zu viel Ausbeutung und Gewalt.»
iwe
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Prostitution gleich Elend gleich Abschaum. Das denken viele. Dass längst nicht alle «Huren» für Drogen anschaffen und mehr ...
Seit 20 Jahren sind in Berlin Wohnungsbordelle etabliert. Sie sind diskret und unscheinbar, meinen ihre Befürworter. mehr ...
Harter Tobak auf dem Kuschelsendeplatz: Im Fernsehfilm «Für meine Kinder tu' ich alles» rutscht Vorzeigehausfrau mehr ...