Indianer tanzen auch nach der Niederlage
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Beim PowWow messen sich verschiedene Indianerstämme friedlich und fröhlich im Tanz. Auch in Grimma haben sich wieder selbsternannte deutsche Indianer getroffen. Für viele eine Gelegenheit, das Outfit zu präsentieren. Für manche etwas mehr.
Diese Indianer hier kennen sich aus. Sie haben genau studiert, wie die Nez Percé aus Perlen florale Motive sticken und Adlerfedern zum Fächer binden. Sie wissen, welche Federbüschel Crows (auch bekannt als Absarokee), Lakotas (Sioux) oder Diné (Navajos) beim Tanz über dem Gesäß schwingen. Seit 30 Jahren steckt Timo Rabel mit einem Fuß im Mokassin. «Früher war es ein Hobby, heute ist es eine Leidenschaft», sagt der Fernmeldemonteur aus Bischofswerda.
Er hat sich für die Nez Percé entschieden, weil die ein friedliebendes Volk waren. Die Leidenschaft steht ihm ins Gesicht geschrieben, wenn er beim Tanz die Füße setzt, mit jedem Fuß zweimal tippt, und sich wiegend fortbewegt im Rund, immer mit der Richtung der Sonne.
Karl May, Winnetou und Gojko Mitic haben den Funken entzündet, da waren die Indianer hier noch kleine Mädchen und Jungs. Manche haben dann weitergelesen, zum Beispiel beim Völkerkundler Miroslav Stingl. Und in der Freizeit die Flamme für die symbolstarken Völker aus Nordamerika gepflegt. «Außer der Freiheit und der Romantik auch die Frage, ‹Wie war es wirklich?›», hat sich Timo Rabel dabei beantwortet.
Inzwischen kann er sich selbst perfekte Outfits schneidern und er gibt seine Erkenntnisse um Sitten und Bräuche in Workshops weiter. 100 Indianerclubs in Deutschland tun so etwas. Die Buffalos in Röderau bei Riesa zum Beispiel. Dort musste Erika Eckert Feuer mit nur zehn Streichhölzern entzünden, bevor sie sich White Hawk, weißer Falke, nennen durfte.
Was die rund 20 als Indianer verkleideten Deutschen auf Jörg Dieckes Bisonfarm in Grimma bei Leipzig auf den grasigen Boden legen, ist für die Native Americans der Erhalt ihres kulturellen Erbes. PowWow heißen diese Treffen, bei denen sich die Mitglieder verschiedener Stämme austauschen und die Besten im Tanz ermitteln. Jörg Diecke ist heute 50 und seit 40 Jahren Indianist. «Die Frage ist, bleibt man stehen oder geht man einen Schritt weiter», sagt er. 1999 hat er sich entschieden und ist in die USA gefahren, zu den Crow nach Montana.
Dass manch deutsches Clubmitglied mehr weiß über die Tradition der amerikanischen Ureinwohner als deren direkte Nachfahren, sei ihm seltsam vorgekommen. Ein Schlüsselerlebnis war, als er 1998 den Artikel eines indianischen Musikers las: «Ich finde es ein bisschen komisch, dass sich hier alle für die alte Kultur interessieren», stand darin.
Bis dahin hatte auch Diecke die Bräuche der alten Indianer verehrt. 1890 ist für den Romantik orientierten Hobbyindianer Schluss. Denn als sie von der US-Armee unterworfen und in Reservate gesteckt wurden, verloren ihre Helden im Federschmuck jeden Reiz.
Was Jörg Diecke beim PowWow in Grimma trägt, hätte er damals als verkitscht abgetan. Er leuchtet in poppigem Lila, so schmücken sich die Crow heutzutage. 1999 in Montana, «da habe ich gemerkt, dass die Kultur lebt und stark ist». Er war so angetan, dass er gesagt hat, «das machen wir auch». Deshalb gibt es PowWow auch in Grimma.
Seit Diecke erkannt hat, dass es keinen Sinn macht, die Alten zu kopieren, fühlt er sich den lebenden Indianern umso näher. Viele Bausteine haben ihn dahin gebracht. Zum Beispiel der «Flag Song»: Den Flaggen-Song, bei dem zu Beginn seines PowWow die Fahne gehisst wird, haben ihm Crow-Indianer ins Mikrofon gesungen und dann erlaubt: «‹Jetzt könnt ihr das singen› – da wächst man», sagt Diecke. Oder, als ein Cheyenne hier in Deutschland anmerkte, ihm fehle Red Ceder, eine der heiligen Pflanzen, für ein Ritual. «Da konnte ich sagen: ‹Das hab ich.›»
Das bloße Verkleiden der Hobbyindianer hingegen sehen die Originale aus Amerika gar nicht gern. Das hat auch Erika Eckert erlebt. Sie ist als Cree hier in Grimma und bringt in ihrer Freizeit Schülern in Projekten bei, wie Indianer heute leben. Das Eis zu den «echten» Indianern in Deutschland gebrochen hat sie über die Erkenntnis, dass alle in derselben Welt leben: «Alkohol, Drogen, Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit – ich habe ihnen gesagt, das ist hier auch nicht anders.»
PowWow ist für die modernen Indianer auch eine Chance, diesem Teufelskreis zu entgehen, erklärt Bernd Damisch, der am Rand des Festes den Stand des Arbeitskreises Indianer Heute betreut. Diese Treffen sind erst im 19. Jahrhundert entstanden und erlebten ihre Renaissance ausgerechnet dank der Weltkriege. «In der Armee haben sich Indianer verschiedener Stämme kennengelernt, haben etwas gesehen von der Welt und dadurch ihre Situation besser einschätzen können», sagt Damisch. Sein Arbeitskreis trägt in Schulen, dass die indianische Kultur nicht mit der Niederlage am Little Big Horn 1876 zu Präriestaub geworden ist, sondern weiterlebt. Wenn auch angepasst.
An der Front, weit weg von ihren engen Reservaten, haben die Diné, Lakotas oder Nez Percé gemerkt, dass sie zusammenhalten müssen. Denn der größte Teil der amerikanischen Ureinwohner gehört zur amerikanischen Unterschicht: Alkohol, Depression, Elend. Deshalb helfen PowWows gerade jungen Leuten, ein Selbstwertgefühl aufzubauen. Zu wissen, sie haben eine reiche Kultur und sind nicht der Abfall der Gesellschaft.
Wer jetzt zurückkommt zum Festzelt und wieder einsteigt in den Wettstreit der Tänzer, fühlt sich ein bisschen wie ein Eingeweihter. Man lässt sich fallen in den leiernden Gesang, den monotonen Trommelrhythmus, das gleichmäßige Stampfen, zwei links, zwei rechts, die versteinerten Gesichter; wundert sich nicht mehr, warum das Mädchen, das den traditionellen Grass-Dance vorführt, ein Outfit im schreiendsten American Style trägt. Und für einen Moment könnte dieses PowWow überall in den Vereinigten Staaten stattfinden.
seh
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