Fr., 25.05.12

Greendex-Umfrage 14.05.2009 Weniger ist öko

Bauer (Foto)
Kleinbauern wie dieser Inder produzieren ökologischer. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Deutsche sehen sich gern als öko. Wenn sie im Supermarkt des Urlaubsortes mit Plastiktüten überschwemmt werden, macht sich schnell Arroganz breit. Bei der Greendex-Umfrage von «National Geographic» sieht es jedoch anders aus.

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«Öko» ist In. Was es eigentlich bedeutet, ist aber offenbar nicht jedem so recht klar. Für Harald Nestler, Geschäftsführer des Münchner Umweltinstituts, ist die Antwort einfach. «Öko ist, wie auf einem Hof so zu wirtschaften, dass er eines Tages den Kindern übergeben werden kann. Die einzige Möglichkeit, wie die Menschheit auf Dauer überleben kann, ist, nicht mehr zu verbrauchen, als nachwächst», sagt er gegenüber news.de.

Wie «öko» die Menschen in 17 verschiedenen Ländern tatsächlich handeln, hat die Greendex-Umfrage des Magazins National Geographic sich zum Thema gestellt. 1000 Bewohner pro Land wurden per Internet zu ihrem Verhalten befragt. Das Ergebnis ist für den deutschen Konsumenten nicht sehr schmeichelhaft: Platz 10 im Öko-Verhalten, immerhin vor den Schlusslichtern USA und Kanada, dafür aber weit hinter Indien, Brasilien und China.

Dass Schwellenländer ganz vorn stehen, wundert Nestler überhaupt nicht. Hier ist die wirtschaftliche Entwicklung noch nicht weit genug, um richtig Dreck zu machen. Nicht jeder kann sich ein Auto und ein energieintensives Haus leisten. Die Leute gehen zu Fuß, steigen in den Bus und bauen ihr Gemüse selbst an.

«Aber man kann jetzt schon beobachten, dass dort mit mehr Geld dieselben Bedürfnisse entstehen. Zum Beispiel wird in den Schwellenländern von pflanzlicher Kost auf aufwendig produziertes Fleisch umgestellt. Das verschärft auch das Ernährungsproblem», betont Nestler.

Symptomatisch für das Verhalten reicher und armer Länder ist die Reaktion von Amerikanern und Chinesen auf die gestiegenen Spritpreise. Amerikaner fahren weniger Auto und bewegen sich generell weniger fort, die Chinesen greifen wieder mehr aufs Fahrrad zurück – sie sind noch nah genug dran an dem ökologisch wertvollen Verkehrsmittel, während sich den Amerikanern diese Alternative gar nicht stellt. Dennoch nutzen die Chinesen alles in allem das Fahrrad weniger als noch 2008, haben jetzt mehr Autos. Ökologischer Rückschritt durch Fortschritt.

Fortschritt durch Rückschritt hingegen propagiert Harald Nestler. Nach wie vor werde die Hälfte der Lebensmittel weltweit in Kleinstbetrieben von bis zu zwei Hektar Größe produziert. Da sollten auch die Industrienationen wieder hinkommen. «Da lässt sich viel erreichen mit einfachen Mitteln, und es werden auch weit mehr Leute beschäftigt», meint Nestler.

Die Studie zeigt, dass ökologisch wertvolles Verhalten weltweit derzeit eine Mischung ist aus den Konsequenzen der Armut, finanziellen Gründen, umweltfreundlichen Entwicklungen und staatlichen Vorgaben.

So sind die Energiekosten im Vergleich zur Greendex-Umfrage 2008 im Großteil der beteiligten Länder gesunken. Es wird weniger geheizt, kälter gewaschen, außerdem mehr repariert und aus zweiter Hand gekauft. Dadurch wird neben der Umwelt vor allem der Geldbeutel geschont. Tatsächlich belegt die Umfrage, dass hinter 70 bis 80 Prozent dieser Verbesserungen wirtschaftliche Motive stehen.

Immerhin 30 Prozent der Energieersparnis schreibt die Greendex-Auswertung dem ökologischen Bewusstsein zu. So ist Deutschland vorbildlich in Sachen Energiesparlampen, Isolierung und Heizverhalten. Neue Fernseher mit LCD- oder Plasmabildschirmen sparen automatisch Strom.

Wie leicht eine staatliche Verordnung der Umwelt helfen kann, zeigt wieder das Beispiel China. Die Regierung verbot kostenlose Plastiktüten - und 2009 bringen viermal so viele Chinesen wie im Vorjahr ihre eigene Tasche mit zum Einkauf.

«Die Regierungen werden mehr machen müssen. Hier steht ein falsch verstandener Freiheitsbegriff dahinter. Wenn es die Möglichkeit gibt, ökologisch herzustellen, sollte das einfach zum Standard werden», fordert Harald Nestler. «Ein Auto muss ja auch einen Blinker haben, da ist keine Kampagne nötig.» Gerade in der Autoindustrie müsse die Politik aber stärker die Daumenschrauben anziehen. «Ökologisch sinnvolle Fahrzeugkonstruktionen werden seit Jahren verhindert und verzögert», betont er.

Auch die Trinkwasserindustrie verhindert in Deutschland erfolgreich umweltbewusstes Verhalten. 68 Prozent der Deutschen, mehr als in jedem anderen Greendex-Land, kaufen ihr Trinkwasser in der Flasche, statt es aus der Leitung zu zapfen. Das setzt die Produktion und spätere Entsorgung der Behälter voraus, das Wasser muss abgefüllt und transportiert werden. Einem Schwellenland kann das nicht passieren, aber auch nur sechs Prozent der Schweden kaufen ihr Wasser in Flaschen.

Besonders negativ fällt Deutschland auch beim Transport auf: Die Bundesbürger nutzen lieber das eigene Auto als den öffentlichen Verkehr, 44 Prozent der Deutschen fahren meist allein. Im Gegenzug gehen sie aber auch viel zu Fuß, und 45 Prozent der Befragten nutzen das Rad.

In welche Richtung diese ökologische Gemengelage sich künftig neigen wird, sieht Harald Nestler vor allem in der Verantwortung der Industriestaaten. «Nur, wenn die reichen Länder ihre Ausrichtung ändern, können sich die armen Länder daran orientieren», betont er. Und der Konsument? Der sollte einfach weniger konsumieren und mehr Lebensqualität im Umgang miteinander sehen, findet der Geschäftsführer des Umweltinstituts: «Man kann auch einen ganz tollen Urlaub auf dem Bauernhof in Oberbayern verbringen, statt in die Südsee zu fliegen.»

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