Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Sie sticht die Gegnerin ihrer Heldin nieder, er legt sich ins Bett seines Idols. Stalker verfolgen ihre Opfer aus verschiedenen Gründen, und sie sind unberechenbar. Seit einem Jahr können sich Täter in einer Berliner Beratungsstelle helfen lassen.
Sie lernt ihn in einer Online-Partnerbörse kennen. Es folgen regelmäßige E-Mails und stundenlange Telefonate mit dem netten Herrn D. Ingrid Pfeifer und ihre Internetbekanntschaft werden ein Paar. Was sie damals nicht weiß: Der Mann ist ein verurteilter Stalker.
«Stalker haben den inneren Druck, die angebetete Person immer weiter zu bedrängen. Es ist wie eine Art Sucht», sagt der Leiter der Berliner Beratungsstelle «Stop Stalking», Wolf Ortiz-Müller. Mit einem Team aus Psychologen und Sozialarbeitern hat er vor einem Jahr die erste Beratungsstelle nicht für Opfer, sondern für Täter eröffnet.
Herr D. wartet nicht lange und hüllt Ingrid Pfeifer in Liebesschwüre. Sie findet ihn sympathisch. Schnell stellt sich auch heraus, dass er eher der eifersüchtig Typ ist. Er ruft ständig an, schreibt SMS, wird böse, wenn sie nicht zurückruft. Um ihre Beziehung nicht zu gefährden, bricht die Verwaltungsangestellte den Kontakt zu ihren Freunden ab. «Ich weiß, das ist rational nicht nachzuvollziehen. Ich habe früh gespürt, dass das Ding nach hinten losgeht, konnte es aber einfach nicht beenden», sagt Ingrid Pfeifer heute.
Als sie vorsichtig andeutet, dass sie eine Beziehung so nicht weiterführen will, droht ihr Partner mit Suizid. «Ich war in dieser kranken Welt gefangen.» Irgendwann schafft die 41-Jährige den Absprung, trennt sich und geht zur Polizei. Doch jetzt beginnt ihr eigentlicher Albtraum. Herr D. wird zum Stalker. Er ruft ständig an, schreibt Briefe, die er auch ins Büro seiner Ex-Partnerin schickt. Er liest ihre Mails, ein Hacker hat für ihn das Passwort herausgefunden. Er steht vor Ingrid Pfeifers Tür, und sie lässt ihn herein - aus Angst. Erst, als ihn ein Gericht zur Zwangstherapie verurteilt, kann Ingrid Pfeifer aufatmen.
Das Beratungsangebot von Wolf Ortiz-Müller nehmen Stalker ohne Zwang freiwillig wahr. «Wir können Tätern erst helfen, wenn sie sich ihrer Sucht bewusst sind», betont er. «Stalking» definiert Ortiz-Müller analog zum Gesetzestext als «Verfolgung oder Belästigung eines Menschen wider seinen Willen».
Dabei reicht die Bandbreite vom Nachstellen bis zur physischen Gewalt. Unter Nachstellen fällt dabei das beharrliche Aufsuchen räumlicher Nähe zum Opfer, unerwünschtes Telefonieren oder der Missbrauch persönlicher Daten. Gesetzlich ist dies seit dem 31. März 2007 im Anti-Stalking-Gesetz verankert. Laut einer Studie des Mannheimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim kommt es jährlich zu 500.000 bis 600.000 solch gravierender Fälle in Deutschland.
In bis zu 15 einstündigen Gesprächen versuchen die Berliner Psychologen, das Verhalten der Stalker aufzuarbeiten und zu analysieren - Hausaufgaben inklusive. «Die Täter müssen einen Entschuldigungsbrief schreiben, den sie nicht abschicken, und sich in die Opferrolle versetzen», erläutert der 46-Jährige. Bei intensiverem Beratungsbedarf oder gravierenden psychologischen Problemen müssten die Täter an Psychotherapeuten verwiesen werden. Seit der Eröffnung vor einem Jahr wurden nach eigenen Angaben bisher 86 Stalkern über Wochen und Monate beraten, Kontakt hatten die Psychologen aber mit rund 530 Personen.
Mit der Beratung soll zudem der hohen Rückfallquote entgegengewirkt werden. Die Täter erhalten einen Notfallkoffer mit Tipps und Taktiken zum Umgang mit der eigenen Anfälligkeit. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hält die Täterberatung für ein sinnvolle Ergänzung zur strafrechtlichen Verfolgung, denn sie trage aktiv zum Schutz der Opfer bei.
Auch Ingrid Pfeifer hat das Thema Stalking nicht aus ihrem Leben verbannt. Mit ihrem Projekt «Gemeinsam gegen Stalking» unterstützt sie wiederum die Opfer. Sie hat immer ein offenes Ohr für Menschen, die ihre Hilfe brauchen. «Jemand, der selbst in dieser Situation war, kann das ganz anders nachempfinden und vielleicht auch bessere Ratschläge geben», sagt Pfeifer.
Aus dem Netz:
Ingrid Pfeifer war Opfer eines Stalkers und macht sich jetzt für andere stark.
Die Beratungsstelle «Stop Stalking» hilft Tätern und damit auch den Opfern.