Von News.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Am 5. Juli 2008 wurde das Berliner Wachsfigurenkabinett eröffnet, mit einem umstrittenen wächsernen Adolf Hitler. Der zweite Besucher trat der Figur den Kopf ab und muss nun 900 Euro Strafe zahlen. News.de findet, die Tat war ein Stück Aktionskunst.
Dass er, wenn auch zwischen Anführungszeichen, als «Hitler-Attentäter» bezeichnet wird, müsste dem ehemaligen Polizisten Frank L. eigentlich schmeicheln. Tatsächlich hat er nicht nur Adolf Hitlers Wachsfigur im Berliner Madame Tussauds zerstört, bevor irgend jemand sie betrachten konnte. Er hat auch erreicht, dass die verabscheuungswürdigste Person der deutschen Geschichte nun etwas weniger präsent in dem Kabinett unter den Linden zu sehen ist.
Reeller als diese mögliche Genugtuung sind für Frank L. allerdings die 900 Euro, die ihm das Amtsgericht im Bezirk Tiergarten am Vormittag als Strafe aufgebrummt hat. Denn der frühere Altpunker, ehemalige Polizist und umgeschulte Altenpfleger lebt von Hartz IV. Wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung muss er zahlen, denn L. verletzte bei seinem «Attentat» auch einen der Museumswärter leicht am Bein.
Gegen das kommerzielle Interesse des Wachsfigurenkabinetts habe er protestieren wollen, sagte der Täter bei der Verhandlung. «Nie wieder Krieg», «Tod für den Führer» und «Kampf dem Faschismus» schrie Frank L., während er sich auf Hitler stürzte. Einen lebenden Menschen zu verletzen, lag nicht in seiner Absicht.
Es ist so schön anschaulich, wie diese brachiale, durch eine Wette in einer Kreuzberger Kneipe inspirierte Tat den Kern der deutschen Geschichtswahrnehmung trifft. In London stand Hitler schon in den 1940er Jahren bei Madam Tussauds und überstand dort, Ironie der Geschichte, nicht nur die Kriegserklärung, sondern auch einen verheerenden deutschen Luftangriff. Im Hamburger Panoptikum ist Adolf Hitler auch schon seit 60 Jahren in Wachs vertreten, gleich neben Göbbels, Göring, Rommel, Eva Braun, Mussolini und Franco.
Aber in Berlin, zumal in direkter Nachbarschaft zum Holocaust-Mahnmal, musste monatelang diskutiert werden, ob und wie man Adolf Hitler in einem Wachsfigurenkabinett platzieren dürfe. Man entschied sich für die Szene im Bunker, weil Hitler hier am Ende seiner Macht zu sehen ist.
Aber erst Frank L. zeigte mit seinem Fußtritt gegen den Kopf des wächsernen Diktators die ganze Hilflosigkeit, die immer wieder durchscheint beim deutschen Umgang mit der Vergangenheit. Deshalb ist die Tat des Hitler-Attentäters in Anführungsstrichen beste Aktionskunst, lässt man Körperverletzung und Sachschaden außer Acht.
Dass in der Konsequenz wieder eine Debatte ums Details aufbrandete, ist symptomatisch. Die Figur fiel für zwei Monate komplett aus. Dann hatten Madame Tussauds Modellierer dem 200.000 Euro wertvollen Stück für 6300 Euro den Kopf wieder aufgesetzt.
Aber die Museumsleitung hatte sich inzwischen entschlossen, Hitler nun nur noch durch das Fenster des Bunkers und zudem hinter einer Glasscheibe zu zeigen. Anders als zuvor sind nun die Haare zerzaust. Frank L. äußerte sich nicht, ob ihn die Veränderung besänftigt, doch sein Verteidiger Richard Radtke findet es besser, dass Hitler nun als «als wilder, zerraufter Wüstling» gezeigt wird.
Zum Umgang mit Hitler und dem Nationalsozialismus ist das meiste gesagt und durchdiskutiert. Spätestens seit Helge Schneider den Diktator parodieren durfte, sind auch in Deutschland pointierte Sichtweisen möglich. Aber gerade weil so viel analysiert und ziseliert wird in dieser Debatte, tut so ein Attentat aus vollstem Halse ganz gut.
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