Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Noch bleiben nur die Hartgesottenen nicht am Ufer stehen. Aber es dauert nicht mehr lange, dann wird es eng im Wasser an Stränden und Badeseen. Der Sommer naht. Und dann suchen Schwimmer und Nichtschwimmer Abkühlung. Was aber, wer nicht schwimmen kann?
Die meisten Deutschen können schwimmen. Nur 23 Prozent der Bevölkerung sind Nichtschwimmer, hat die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) 2004 in einer repräsentativen Umfrage herausgefunden. «Allerdings haben nur die 30- bis 50-Jährigen ein hohes Niveau an Schwimmfähigkeit», schlüsselt DLRG-Sprecher Martin Janssen das Ergebnis im Gespräch mit news.de auf.
Das sind die Jahrgänge, die mit dem Boom der Hallenbäder in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren Schwimmen gelernt haben. Von den 50- bis 60-Jährigen kann nur gut die Hälfte schwimmen, im höherem Alter wird es noch weniger. «Allerdings sind auch unter den Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr 34 Prozent Nichtschwimmer», hebt Janssen hervor.
Und ist damit bei der Problematik angekommen, die den Wasserrettungsorganisationen seit Jahren Sorge bereitet: Es fehlt an Becken, um flächendeckend Schwimmunterricht anzubieten. Man muss nur die Lokalzeitungen der letzten Monate durchsehen, um zu wissen, warum. Das Cannstatter Hallenbad in Stuttgart entging nur knapp einem Einsturz, als es an Weihnachten geschlossen wurde. Jetzt renoviert die Stadt das Dach, aber auch das wird nur ein paar Jahre Atempause geben. Das Bad von 1974 ist marode. Auch das Potsdamer Bad am Brauhausberg stammt aus den 1970ern. Die Komplettsanierung ist zu teuer, vorerst kann nur das Nötigste repariert werden.
Die Diagnosen wiederholen sich. «Gutes Bad wird teuer», kalauerte Stadtrat Wolfgang Messner aus Korntal Münchingen. Der Mängelkatalog erinnere an die Rocky Horror Picture Show. Im westfälischen Soest lehnte sich Anfang der 1990er eine Schülerin an die Wand, eine Fliese fiel ihr auf den Fuß, das Bad schloss und machte nie wieder auf. Inzwischen parken an seiner Stelle Autos, und wer planschen will, kann dies im modernen Spaßbad tun.
Allein in den letzten zwei Jahren mussten in Deutschland 230 Bäder schließen oder sind von der Schließung bedroht. Gunther Volck, der in Tübingen Sportwissenschaften lehrt, spricht von 1.500 Schwimmbädern, die der Schwimmausbildung ab Mitte der 1990er Jahre abhanden gekommen seien.
«Die meisten Bäder stammen aus den 1960er oder 1970er Jahren, und es ist nichts in Erhalt und Modernisierung investiert worden», sagt DLRG-Sprecher Martin Janssen. Eine vorsichtige Schätzung ergab, dass die Sanierungen 20 Milliarden verschlingen würden. 88 Prozent der Bäder sind in kommunaler Hand und die Kommunen von Haus aus knapp bei Kasse.
Wenn private Investoren ins Spiel kommen, werden aus den Schwimmsporthallen oft Spaßbäder. «Spaßbäder aber sind in der Regel für die Schwimmausbildung ungeeignet», sagt Janssen. Problematisch sei auch, dass die hohen Eintrittsgelder für Erlebnisbäder eine Sozialauswahl träfen. Schwimmen kann dann, wer es sich leisten kann. Einer Studie des Paderborner Professors Wolf-Dieter Brettschneider zufolge hat ein Fünftel aller Kinder keinen Zugang zu Schwimmbädern, ein Drittel der Grundschulkinder kann nicht richtig schwimmen.
Der DLRG als stärkster deutscher Rettungsschwimmverband mischt sich mit seinem Kampf um mehr Wasserbecken in die politische Debatte ein. «Wir bedauern, dass die Badsanierung aus den Konjunkturprogrammen herausgestrichen wurde. Damit ist eine Chance verpasst worden», äußert Janssen und zitiert einen Spruch der alten Griechen: «Ein dummer Mensch ist, wer nicht lesen und schwimmen kann.» Demnach müssten die Deutschen allmählich verdummen. 1978 hatte die DLRG, die bundesweit die Hälfte der Schwimm- und Rettungsschwimmprüfungen abnimmt, noch 1,2 Millionen Abzeichen vergeben. 2008 waren es nicht einmal 250.000.
Dabei steht Schwimmen lernen in den Lehrplänen der Bundesländer. In Sachsen zum Beispiel sind in der 2. Klasse 39 Stunden Schwimmunterricht vorgesehen. «Die Kapazitäten reichen dafür auch aus, und über 90 Prozent erreichen das Seepferdchen», betont eine Sprecherin des Kultusministeriums. In Nordrhein-Westfalen bemüht sich die Landesregierung über die Initiative «QuietschFidel – Ab jetzt für immer Schwimmer!», Eltern zum Schwimmengehen mit ihren Kindern zu aktivieren und unterstützt die Kommunen mit einer Pauschale, um die nötigen Schwimmhallen zur Verfügung zu stellen, heißt es in einer Stellungnahme aus dem Schulministerium. Ansonsten müsse auf die Nachbarkommune ausgewichen werden.
Lothar Eberlieberg vom Bundesverband zur Förderung der Schwimmausbildung macht gegenüber news.de jedoch seine Zweifel daran deutlich, dass der Auftrag erfüllt wird. «Sie gehen vielleicht mal ins Schwimmbad und planschen, aber die Ausbildung hat in den letzten zehn Jahren deutlich abgenommen.» Nur noch 17 Prozent der Kinder lernten das Schwimmen in der Schule, sagt DLRG-Mann Martin Janssen.