Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Die Reformen an den europäischen Hochschulen gehen weiter, alle Elemente der bisherigen Änderungsbemühungen behalten ihre Gültigkeit. Darauf haben sich die Bildungsminister aus 46 Ländern im belgischen Leuven geeinigt.
Die Bologna-Reform hat noch nicht ihre volle Kraft entfaltet. Eine Kehrtwende einzuschlagen, weil Mängel auftauchen, kommt für die Bildungspolitiker der beteiligten Ländern jedoch nicht infrage. «Bologna muss fortgesetzt, vertieft und dort nachgebessert werden, wo es nötig ist», erklärte Andreas Storm, Parlmentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium. Das Europa der Zukunft könne nur erfolgreich und innovativ sein, wenn alles unternommen werde, um lebenslanges Lernen und das Interesse an einem Studium auszubauen.
Den Hochschulen räumen die Reformen ausreichend Chancen ein, um ein eigenes Profil zu entwickeln und sich für eine qualitative Ausbildung zu engagieren. Allerdings gab es hier auch kritische Töne. Es sei zu hinterfragen, «ob nicht eine allzu starke Ausdifferenzierung und Profilbildung gerade in der Bachelor-Phase die gewollte Mobilität der Studierenden wieder einschränkt», sagte Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz. Darüber hinaus seien Breite und Tiefe der Studieninhalte nicht unproblematisch. Hier müsse nachgebessert werden, insbesondere in berufspraktischer Hinsicht, aber auch im Hinblick darauf, dass Studiengänge studierbar bleiben.
Das größte Schlagwort in Leuven war jedoch die Mobilität. Statt nur an einem Ort zu studieren, sollen Studenten möglichst an verschiedenen Hochschulen lernen. Dies trage dazu bei, sie für den Arbeitsmarkt tauglich und zu engagierten, verantwortungsbewussten Bürgern zu machen. Mindestens 20 Prozent der Hochschüler in den Bologna-Ländern sollen nach Ansicht der Politiker vorrübergehend auch im Ausland studieren oder ein Praktikum absolvieren. Umzusetzen sei das bis zum Jahr 2020 - wie, ließen die Minister offen.
Statistisch gesehen, absolvieren nur knapp fünf Prozent der deutschen Studenten ein Auslandssemester. Werden Praktika und Sprachkurse berücksichtigt, übererfüllen die Deutschen den geforderten Richtwert bereits um drei Prozent. Eine Eurostat-Studie über den Bologna-Prozess im Hochschulbereich besagt jedoch, dass nur 2,3 Prozent aller europäischen Student an einer Hochschule außerhalb ihres Heimatlandes eingeschrieben sind. Dort heißt es auch, dass finanzielle Gründe oft an einem Auslandsaufenthalt während des Studiums hindern.
Dass die Auslandsaufenthalte deutlich zurückgehen, beweist die Entwicklung im Erasmus-Programm. Die Zahl der möglichen Stipendiaten wird nicht mehr ausgeschöpft. Zwar bekommen die Teilnehmer bis zu 192 Euro monatlich, dass deckt allerdings nicht die Lebenshaltungskosten. Darüber hinaus sehen sich viele Studenten durch ein Auslandssemester unter Zeitdruck gestellt – angesichts zeitlich enger gefassten Bachelor- und Masterstudiengänge. Problematisch sei derzeit noch, so räumte Kultusminister Olbertz ein, Studienleistungen anzuerkennen, die im Ausland erbracht wurden. Diese bürokratische Hürde müsse erst noch abgebaut werden.
Letztlich bleibt die Forderung der Minister damit ein zweischneidiges Schwert: «Die studentische Mobilität ist immer noch stark abhängig vom sozioökonomischen Familienhintergrund der Studierenden», kritisiert Achim Meyer, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes. Wer Mobilität fordere, müsse auch für ausreichende Studienfinanzierung, preisgünstigen Wohnraum, vernünftige Beratung und auch Kinderbetreuung sorgen. «Wie soll das gehen, wenn diese ‹Student Services› den Ministern noch nicht einmal eine Erwähnung wert sind?», so Meyer.
Eingeräumt hatten die Minister, dass öffentliche Investitionen in die Hochschulbildung unerlässlich seien. Nur dies könne einen gerechten Zugang zu Hochschulen und deren Autonomie sichern. Hier müsse auch nach neuen Finanzierungswegen gesucht werden.
Zugleich müssten verlässliche Bedingungen für junge Menschen ausgebaut werden, deren wirtschaftliche Basis dazu führen könnte, sich gegen ein Studium zu entscheiden. Die Länder sind daher aufgefordert, sich messbare Ziele zu setzen und diese zu erfüllen. Bis wann dies allerdings geschehen soll, dazu haben die Bildungspolitiker keine Aussage getroffen.
Gestärkt werden soll zudem das lebenslange Lernen. Den Vertretern der 46 Staaten schwebt eine eng geknüpfte Partnerschaft zwischen öffentlichen Einrichtungen, Hochschulen, Studenten, Arbeitgebern und Beschäftigten vor. Zudem ist die gleichrangige Anerkennung von Qualifikationen bedeutsam. Es spiele keine Rolle, ob diese über ein Teilzeitstudium oder auf der Basis einer Beschäftigung erworben wurden.
Bis 2012 soll ein Arbeitsplan erstellt werden, um die gesetzten Prioritäten voranzutreiben.
kat