Fr., 25.05.12

Neue Homophobie 28.04.2009 «Sie suchen ein Feindbild»

Christopher Street Day (Foto)
Der Christopher Street Day erinnert an den ersten großen Schwulen-Aufstand vor 40 Jahren. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Homosexualität ist doch heilbar. Mit Thesen wie dieser machen sich derzeit wieder pseudowissenschaftliche und radikal-christliche Gruppen interessant. Für Lesben und Schwule eine brandgefährliche Tendenz, die ihre sexuelle Identität bedroht.

Der Christopher Street DayDer Christopher Street Day (CSD) erinnert an den ersten großen Aufstand von Homosexuellen gegen die Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street im Stadtviertel Greenwich Village am 28. Juni 1969. Es kam in der Folge zu tagelangen Straßenschlachten zwischen Homosexuellen und der Polizei. Seitdem wird in New York am letzten Samstag des Juni, dem Christopher Street Liberation Day, mit einem Straßenumzug an dieses Ereignis erinnert. Daraus ist eine internationale Tradition geworden. In Berlin, Köln und anderen deutschen Großstädten werden diese Demonstrationen jedes Jahr als Christopher Street Day abgehalten. wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. Im Kino gab gerade Sean Penn den Harvey Milk, legendärer Kämpfer der Schwulenbewegung im San Francisco der 1970er Jahre. Seitdem hat sich die Situation der Schwulen und Lesben beruhigt. Der Paragraph 175, der schwule Männer in Deutschland strafrechtlich verfolgte, ist Geschichte.

Meine Meinung
Video: Schwul? Da gibt es nichts zu heilen
Video: news.de

In Spanien, den Niederlanden, Belgien, Großbritannien und Norwegen dürfen gleichgeschlechtliche Paare inzwischen heiraten, in Deutschland werden sie immerhin als Lebensgemeinschaft anerkannt. Der Christopher Street Day ist jedes Jahr ein gesellschaftliches Event, und der schwule beste Freund für viele Mädchen ein Muss.

Doch in den letzten zwei, drei Jahren müssen die Schwulen- und Lesbenverbände zusehen, wie das Gespenst von der «Krankheit» eine Renaissance erlebt. Wissenschaftler drängen erneut mit der Behauptung in die Öffentlichkeit, Homosexualität sei heilbar. Zuletzt zu sehen auf dem Diskussionsforum der CDU, wo ein gewisser «Jochen Trebmann» behauptete, Homosexualität sei nicht angeboren, sondern ein «gesamtgesellschaftliches Problem, das bald eingedämmt» werden könne. Der Beitrag stand eine Woche lang im Forum.

«Therapieangebote sind nicht nur unwissenschaftlich, sondern auch eine Zumutung für Homosexuelle. Zudem sind sie gefährlich und gesundheitsschädigend. Leute, die so etwas anbieten, sind homophob, und Homophobie ist durchaus heil- und therapierbar.» Auch wenn Klaus Jetz vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) in seiner Stellungnahme eine leise Ironie durchklingen lässt, nehmen die gesellschaftlichen Vertreter der Homosexuellen diese Bewegung sehr ernst.

Im Jahr 2007 ist Markus Danuser, Vorstandsmitglied des Kölner Lesben- und Schwulentags (Klust), die Thematik erstmals wieder entgegengesprungen: Eine Psychologentagung in Graz bot ein Umpolungsseminar an. Auch im letzten Jahr beim «Christival» in Bremen standen solche Workshops auf dem Programm.

Derzeit kämpfen Schwulen- und Lesbenverbände gegen den «Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge», der Ende Mai in Marburg stattfindet. Die Seminare mit den Titeln «Reifung in der Identität als Frau und als Mann» und «Weibliche Identitätsentwicklung und mögliche Probleme» erregen ihren Zorn, weil die dort referierenden Vereinigungen sich gegen die Annahme einer angeborenen sexuellen Natur stellen und eine Umpolung, Umerziehung oder Heilung in Aussicht stellen.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Homosexuelle Unterstützung brauchen

In einem offenen Brief fordert der LSVD daher vom Marburger Bürgermeister und den Universitätsvertretern, sich von derartigen Tendenzen zu distanzieren. Rückhalt gibt es aus dem Bundestag. Der Menschenrechtssprecher der Grünen, Volker Beck, schreibt auf seiner Homepage: «Demokraten müssen die Würde und Rechte von Schwulen und Lesben gegen Angriffe von Homo-Umpolern verteidigen. Die drei Referenten und ihre einschlägigen Organisationen stellen Lesben und Schwule als defizitär, krank, therapiebedürftig oder sündhaft dar. Sie würdigen sie damit herab.»

Unterstützung aus Politik und Mehrheitsgesellschaft ist den Homosexuellen sehr wichtig. «Wenn wir uns dagegen wehren, heißt es schnell, Schwule und Lesben seien wissenschaftsfeindlich», erklärt Markus Danuser. Eine «brandgefährliche Tendenz», die einer erneuten Stigmatisierung Vorschub leiste.

Und wenn die Möglichkeit so einer «Therapie» vom psychotherapeutischen Aspekt her erst einmal anerkannt sei, sei der Weg zum Therapiezwang auch nicht mehr weit, befürchtet Danuser. Deshalb will er nicht abwarten, in welche Richtung sich dieser Diskurs entwickelt, sondern «krude Theorien» von Anfang an an den Pranger stellen, sich für den Boykott von Kongressen wie dem in Marburg stark machen.

Dass überhaupt wieder ein Nährboden für homophobe Tendenzen entstanden ist, schreibt der Homosexuellen-Vertreter einer christlich-konservativen Gegenbewegung zu, die der zunehmenden Verweltlichung in der Gesellschaft etwas entgegensetzen wolle. «Sie suchen ein Feindbild, und da kommen ihnen Schwule und Lesben recht, weil sie eine Minderheit sind und sich mit dumpfen Vorurteilen leicht in eine dubiose Ecke schieben lassen», findet Markus Danuser.

Nährboden für diese Bewegung ist die Evangelikaner-Kirche, eine extrem bibeltreue Ausprägung des Protestantismus, die vor allem in den USA ihre Anhänger hat. Daraus ist auch die Ex-Gay-Bewegung hervorgegangen, die davon ausgeht, dass Homosexualität in der Kindheit oder Jugend durch psychologische Einflüsse erworben wurde - und somit auch wieder lösbar sei. In Deutschland werden der Verein «Wuestenstrom e.V.» und das «Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft» dieser Bewegung zugeordnet - beide haben sich für den Kongress in Marburg angekündigt.

Die Homosexuellen aber wollen sich ihre sexuelle Identität nicht wegnehmen lassen. «Wenn davon etwas hängenbleibt, haben wir schnell wieder den Status von Kranken. Aber das sind wir nicht», sagt Markus Danuser.

iwe/nbr
Leserkommentare (8) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • oh gott
  • Kommentar 8
  • 01.08.2010 23:27
 

"Für Lesben und Schwule eine brandgefährliche Tendenz, die ihre sexuelle Identität bedroht." Will es niemand kapieren, oder kann es niemand kapieren?Nicht die"sexuelle Identität"was auch immer das sein mag oder heissen soll)ist bedroht,sondern auch mein Lebensglück und u.U.sogar mein Leben selbst wenn es diesen und anderen Menschen mit einer solchen Gesinnung gestattet wird,öffentlich Menschenrechtsverletzungen zu begehen und Hasskampagnen zu verbreiten!Ich kann mich nicht entscheiden wen ich liebe und wie ich liebe,es IST so!Versuch doch mal als Hetero-Mann einen Mann zu lieben...!

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  • Uwe Hotze
  • Kommentar 7
  • 29.05.2010 00:42
 Antwort auf Kommentar 5

Wenn Du noch einmal sagst, ich wäre schwul, haue ich Dir mein Handtäschchen um die Ohren!

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  • tommy
  • Kommentar 6
  • 28.05.2010 19:23
 

Wenn ich an Westerwelle denke...da ist nix mehr keilbar, Aber, wozu auch?

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  • Ole
  • Kommentar 5
  • 29.10.2009 21:58
 Antwort auf Kommentar 3

Wäre ein glaubhafter Beitrag gewesen,wenn nicht gleich die bewusste Einzelbewertung als Maßstab alles Richtigen herangezogen wäre. So,einfach dumm und ekelhaft.Die Mehrheit der homosexuellen Bekannten kommt aus kaputten Familien.Dann wäre auch die Familie Krupp-Bolen-Hallbach und die Familie eines Thomas Mann kaputt!

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  • Kommentar 4
  • 23.05.2009 18:18
 Antwort auf Kommentar 3

die sexuelle Orientierung anderer geht mir am Arsch vorbei was wird da so ein Wind drum gemacht is mir ehrlich gesagt scheiß egal das problem besteht darin das viele Menschen anscheinend ein Problem mit der auslebung der sexualität ein Problem haben anders kann ich mir das tohuwabohu nicht erklären!

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  • Kommentar 3
  • 07.05.2009 10:40
 

Wer hier ein Feindbild aufbaut, das würde ich mal sehr kritisch anfragen. Allein wenn man einmal Worte anschaut, die die jeweilige Parteien verwenden. Dass in einer Universität der Dialog verboten werden soll, macht doch stutzig. Wer starke Argumente hat, muss die andere Seite nicht fürchten. Was ist eigentlich ein Problem daran, wenn Menschen ihre homosexuelle Orientierung ändern wollen und manche diese Leute dabei unterstützen wollen? Hält das unsere Gesellschaft nicht aus? Komisch auch, wie die Mehrheit meiner homosexuellen Bekannten aus völlig kaputten Familien kommen.

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  • Kommentar 2
  • 29.04.2009 19:34
 

Die Kampagne, die Gegenproteste organisiert findet sich unter: http://noplace.blogsport.de

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  • Kommentar 1
  • 29.04.2009 19:34
 

Die Kampagne, die Gegenproteste organisiert findet sich unter: noplace.blogsport.de

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