Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Wer angezogen ist, fährt schneller aus der Haut als ein Nackter? Harte These, könnte aber stimmen. Denn die deutsche Sprache hält für große Gefühle gleich die passenden Haut-Redewendungen bereit. Und die haben es unter Klamotten nicht so leicht.
«Ich fühl' mich wohl in meiner Haut.» Sowas behaupten darf natürlich nur ein Nackter. Denn sich wohlfühlen, weil das teure Kleid gut sitzt oder der Blazer oder gar die Krawatte, das ist zu einfach und der Wohlfühler damit auf dem falschen Dampfer. Er kann sich höchstens gut versteckt fühlen.
Was treibt uns denn in die Klamotte, wenn nicht die Scham. Deshalb kann die Spezies angezogener Mensch auch so schwer aus ihrer Haut. Sie steckt ziemlich fest unter zugeknöpftem, hochgezogenem und geschnürtem Stoff. Da dreht sich das Denken vor lauter Atemnot nur noch im Kreis: um Klamotten und das Geld dafür, um einen guten Job zum Geld verdienen, um eine schicke Verkleidung, um den Job zu bekommen - und so weiter.
Wenn dem Angezogenen bei der ganzen Maskerade doch noch etwas unter die Haut geht, dann muss es schon ordentlich Fahrt aufgenommen haben. Und trifft die sauber abgepackte Psyche dann ganz unvorbereitet. Haut sie um. Denn die Haut ist unter der Stoffschale dünn geworden und taugt nicht mehr als Schutzschild. Wer will da noch in seiner Haut stecken?
Also fährt er aus ihr raus. Wenn sie schon nicht mehr funktioniert, kann sie ihm auch gestohlen bleiben. Er hat ja noch seine Klamotten. Aber er kann jetzt gar nicht mehr nackt sein, sonst fließt er total auseinander. Nicht einmal mehr zwischen dem Kostümwechsel kann er Fasson bewahren. Deshalb lassen sich wohl so viele angezogene Menschen kontrolliert beim Psychiater auswickeln.
Jetzt geht es nur noch um eins: die nackte Haut retten, die gute, alte, ehrliche Haut. Vielleicht mal anfangen mit einer Runde nackt baden. Die Menschen, die Freikörperkultur pflegen, scheinen sich dabei nämlich pudelwohl zu fühlen.
Globaler Nudismus? Ja bitte! Die Bedienung von Waschmaschinen ist ohnehin viel zu kompliziert und Kleidung ein überholtes Thema.
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