Ein junger Mann schoss einen Pfeil auf seinen jüngeren Bruder, weil dieser ihn und seine Mutter wegen eines inzestuösen Verhältnisses angezeigt hatte. Die Mutter soll das Geschehen tatenlos beobachtet haben.
Mit viel Glück hat der heute 18-Jährige den Angriff im Februar 2008 überlebt: Der gut 20 Zentimeter lange Pfeil drang nicht in den Körper von Michael B. ein, sondern prallte an seinem Brustbein ab.
Wegen der Tat müssen sich seine 38 Jahre alte Mutter und der 19-jährige Bruder seit Freitag vor der Jugendkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth verantworten. Die Anklage lautet auf gemeinschaftlichen versuchten Mord aus niederen Beweggründen. Gegenstand des Verfahrens ist auch eine Anzeige des Opfers gegen die Angeklagten wegen Inzest und sexuellen Missbrauchs seiner siebenjährigen Halbschwester.
Beide Angeklagte räumten vor der Kammer zwar ein, mit einer Armbrust auf Michael B. geschossen zu haben, bestritten aber den Vorsatz, ihren Sohn und Bruder ermorden zu wollen. «Es ist zu keinem Zeitpunkt geplant gewesen, ihren Sohn zu töten», trug Verteidiger Michael Spengler aus einer Erklärung der Mutter vor. Diese verbarg ihr Gesicht zum Prozessauftakt hinter einem geöffneten Aktenordner und äußerte sich selbst nicht.
Der Armbrustschütze dagegen erklärte in stockenden Worten, er sei zornig und wütend geworden, nachdem sein Bruder ihn mehrfach aufgefordert hatte, zu schießen. «Ich wollte es ursprünglich nicht, ich wollte nur, dass er uns in Ruhe lässt», erklärte der gelernte Schreiner.
Das Opfer verweigerte anschließend nicht nur völlig überraschend die Aussage, sondern widersprach auch der gerichtlichen Verwertung dessen, was er zuvor gegenüber den Ermittlungsbehörden erklärt hatte.
Dennoch ergibt sich für die Staatsanwaltschaft ein relativ klares Bild der Vorgänge in der Nürnberger Wohnung. Michael B. ahnte nämlich offenbar vor dem Treffen mit seiner Familie, dass dieses kritisch ablaufen würde, und ließ das ganze gut 30-minütige Gespräch von seiner in der Nähe wartenden Freundin via Handy mithören und mitschneiden.
Demnach kam es zu einem Streit, weil sich Michael B. weigerte, die Anzeigen wegen Inzest und sexuellen Missbrauchs zurückzunehmen. Deshalb sollen die Angeklagten beschlossen haben, das Opfer mit einer im Internet ersteigerten Sportarmbrust zu töten. Beide sollen ihm gedroht haben, dass er hier nicht mehr herauskomme. «Ich schieß den Pfeil, Alter, und mach dich fertig», soll der Schütze zu seinem Bruder gesagt haben. Dieser wiederum stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor ihn und forderte ihn mehrfach auf, doch zu schießen.
Dies wertete der Verteidiger des Angeklagten, Peter Hoffmann, als selbstmörderische Absicht des Opfers. Der jüngere Sohn habe alles versucht, seine Mutter und seinen älteren Bruder auseinanderzubringen, sogar mit einer Anzeige wegen Inzests. «Dieser Vorwurf wird aus unserer Sicht zu Unrecht erhoben», unterstrich Hoffmann.
Sein Kollege Michael Spengler nannte die Vorgeschichte der Tat tragisch. Demnach beging der Vater der Brüder Selbstmord, als der größere gerade zwei Jahre alt war. Die Mutter flüchtete ins Ausland, die Kinder kamen zunächst zum Großvater väterlicherseits. Als auch dieser sich das Leben nahm, landeten die beiden erst bei einer Pflegefamilie und dann im Heim.
Beide Brüder begingen unter anderem Diebstähle und Sachbeschädigungen. Erst zehn Jahre später kam ihre Mutter zurück. «Da orientierte sich der ältere nicht mehr an seinem jüngeren Bruder, sondern an der Mutter», sagte Spengler. Dies habe zu Eifersucht geführt und das Verhältnis des Opfers zu seinem Bruder sei zerbrochen.
Überrascht zeigte Spengler sich über die Aussageverweigerung des Opfers: «Jetzt wird es eine spannende Frage sein, wie der Telefonmitschnitt verwertet wird.» Das Urteil wird für den 11. Mai erwartet.
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