Fr., 25.05.12

Wiederaufbau in Italien 21.04.2009 Die Mafia blickt nach Norden

Erdbeben Italien (Foto)
L'Aquila liegt ein paar hundert Kilometer nördlich vom Zentrum der Mafia. Aber die streckt ihre Fühler aus. Bild: ap

Von Frances D'Emilio

Milliarden fließen in Mittelitalien in den Wiederaufbau vom Erdbeben zerstörter Gebäude. Viel Geld, und die Mafia möchte bei seiner Verteilung nicht leer ausgehen. Deren Kontakte in die Baubranche wollen die Ermittler deshalb besonders scharf im Auge behalten.

Die Mafia-Clans pflegen mannigfaltige Verbindungen zu Zementfirmen oder Schuttentsorgern. Sie könnten schnell ihre Finger im Spiel haben, wenn die Behörden nicht wachsam seien, erklärte Untersuchungsrichter Franco Roberti, der in Neapel die Ermittlungen gegen die Camorra leitet.

«Bei der Untersuchung der Nachwirkungen des Bebens von 1980 bei Neapel haben wir gerade erst erfahren, wie die Camorra mit den Wiederaufbauarbeiten zu tun hatte», sagt Roberti. Die Gegend um L'Aquila in den Abruzzen, die am 6. April von schweren Erdstößen erschüttert wurde, liegt rund 240 Kilometer nördlich von Neapel und eigentlich außerhalb der Heimat der großen Verbrechersyndikate.

Doch nach Einschätzung der Ermittler verlassen die Banden zunehmend ihre traditionellen Einflusszonen im Süden und breiten sich in die wohlhabenderen Gegenden Mittel- und Norditaliens aus, wo sie neue Wege suchen, um ihre Millionenbeute aus Drogenhandel, Erpressung und anderen dunklen Geschäften zu waschen oder zu investieren.

So rief die Tagszeitung L'Avvenire am Sonntag dazu auf, auf den Baustellen höchste Wachsamkeit walten zu lassen. «Die Cosa Nostra, die 'Ndrangheta und die Camorra sind bereits in den Abruzzen angekommen und werden sicherlich ein Auge auf den Wiederaufbau werfen», warnte der frühere Innenminister Giuseppe Pisanu, der jetzt die Anti-Mafia-Kommission des Parlaments leitet. Die Gangster hätten gelernt, sich in ganz Italien in politischen Kreisen zu bewegen und die Verwaltung zu unterwandern.

Im Süden ist es seit langem eine bedeutende Einkommensquelle vor allem für die sizilianische Cosa Nostra und die Camorra, sich von öffentlichen Aufträgen einen Scheibe abzuschneiden. Die Casalesi-Familie, ein Camorra-Clan aus der Gegend von Caserta, soll bei Bauaufträgen in einer besonders guten Position sein. Die Camorra verfüge über «das Material, die Maschinen und das Personal», erklärt Raffaele Cantone, früher Anti-Mafia-Staatsanwalt in Neapel und jetzt am obersten Strafgericht in Rom.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die Mafia-Verbindungen so gefährlich sind

Die Untersuchungen nach dem Beben von Neapel haben unter anderem zu einem Gesetz geführt, demzufolge die Bieter bei öffentlichen Ausschreibungen auf Verbindungen zum organisierten Verbrechen durchleuchtet werden müssen. Doch das ist noch keine Garantie dafür, dass alles mit rechten Dingen zugeht. «Das Problem ist die Untervergabe von Aufträgen für Erdarbeiten oder Zementlieferungen», sagt Roberti.

Mafia-Ankläger Piero Grasso hat bereits angekündigt, eine Gruppe erfahrener Staatsanwälte zusammenzustellen, die in L'Aquila bei der Überprüfung der Bieter helfen sollen. Doch es wächst der Druck, den zehntausenden Flüchtlingen wieder ein Dach über dem Kopf zu verschaffen, die jetzt in Zeltlagern, bei Verwandten oder in Hotels an der Küste untergekommen sind. «Die Dringlichkeit spielt der Mafia in die Hände», warnt Untersuchungsrichter Roberti.

Es gibt Befürchtungen, dass Firmen mit Mafia-Verbindungen minderwertige Materialien verwenden könnten. Wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa am Sonntag berichtete, gehen in Sizilien Ermittler dem Verdacht nach, dass beim Bau eines Krankenhauses, eines Autobahntunnels, eines Deichs und eines Gerichtsgebäudes minderwertiger Zement benutzt wurde.

Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass das organisierte Verbrechen für den Einsturz oder die schweren Schäden an zehntausenden Gebäuden verantwortlich wäre. Feuerwehrleute hatten während der Aufräumarbeiten in den Abruzzen berichtet, dass bei einigen Gebäuden schlechter Zement und unzureichende Stützen verwendet worden seien.

Auf den Titelseiten der italienischen Zeitungen war am Sonntag Staatspräsident Giorgio Napolitanos Vorwurf zu lesen, die verheerenden Schäden in den Abruzzen seien «durch Gier und Missachtung der Vorschriften verschlimemrt» worden. Bei vielen Privathäusern und öffentlichen Gebäuden war offensichtlich nicht darauf geachtet worden, dass sie einem Beben der Stärke 6,3 oder höher standhalten.

Fast drei Jahrzehnte nach dem Beben von Neapel leben dort immer noch tausende Menschen in Behelfsunterkünften. Manche der Neubauten waren so miserabel ausgeführt, dass sie nicht bezogen werden konnten. Welche Rolle Baufirmen mit Verbindung zur Camorra bei diesem Milliardenspiel gespielt haben, ist immer noch nicht gänzlich aufgeklärt. Verfahren, die als Ergebnis der damaligen Untersuchungen eingeleitet wurden, sind nach Angaben des Mafia-Anklägers Grasso immer noch im Gange.

iwi/ruk
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