Algerien

«Eingesperrt im eigenen Land»

Von Ulrike Koltermann

Vor 30 Jahren kokettierten junge Algerierinnen im Minirock. Heute wickeln hübsche Mädchen ihren Kopf in Tücher. Zugegeben, die sind oft modisch. Doch der Einfluss der Islamisten hat zugenommen und die Frauen haben dabei Rechte verloren.

Fazia Abbad hat sich sorgfältig geschminkt und die langen dunklen Haare lose zusammengebunden. Es ist eine Gewohnheit, die sie nicht aufgeben mag. Als Angestellte eines Reisebüros hatte sie bei der Arbeit immer makellos auszusehen.

Die 50-jährige Algerierin gehört zu der Generation, die in der Jugend Miniröcke getragen hat und nun beobachtet, dass sich immer mehr junge Mädchen für das Kopftuch entscheiden. «Der Einfluss der Islamisten ist stärker geworden», sagt sie. «Viele Frauen verschleiern sich nicht aus religiöser Überzeugung, sondern wegen des gesellschaftlichen Drucks.»

Beobachter schätzen, dass in der Hauptstadt Algier etwa 80 Prozent der Frauen Kopftuch tragen, in ländlichen Gegenden sind es eher noch mehr. Moderatorinnen im Fernsehen treten derzeit noch mit unbedeckten Haaren auf. «Für viele in meinem Jahrgang ist das Kopftuch bloß ein Modeartikel», meint Abbads 21 Jahre alte Tochter Amina. «Sie lassen gezielt eine Strähne hervorschauen und tragen am liebsten farblich abgestimmte Designertücher.» Amina hat nie ein Kopftuch getragen. «Das war in unserer Familie eben so», sagt sie. «Vielleicht ändere ich meine Meinung, wenn ich die ersten grauen Haare bekomme», sagt sie und lacht.

Das Familienrecht des Landes, das in den 1980er Jahren festgelegt wurde, schreibt vor, dass eine Frau ihrem Mann zu gehorchen habe. Polygamie ist offiziell erlaubt, bei einer Scheidung ist der Mann im Vorteil. Wenn die Frau die Scheidung einreicht, verliert sie faktisch alle Ansprüche - und ihren guten Ruf obendrein.

«Als geschiedene Frau ist man für alle angreifbar», sagt Abbad, die sich nach zwei Jahren Ehe von ihrem Mann getrennt hat. Ihr Ex-Mann hat die Wohnung behalten und zahlt keinen Unterhalt für die gemeinsame Tochter. «Als alleinstehende Frau kann ich unmöglich alleine wohnen, das wird gesellschaftlich nicht akzeptiert», sagt Abbad. «Also lebe ich mit 50 immer noch bei meinen Eltern», fügt sie frustriert hinzu.

Das größte Problem für junge Frauen sei heute, dass sie das Land kaum verlassen können, meint Amina. «Ich habe vier Mal ein Visum beantragt und nie eins bekommen. Aber jedes Mal musste ich 6000 Dinar (60 Euro) Gebühren zahlen», sagt sie. «Am liebsten will ich nach Europa, hier finde ich ja doch keine Arbeit», fügt die Wirtschaftsstudentin hinzu. «Warum haben wir kein Recht, andere Länder kennenzulernen? Wir fühlen uns manchmal wie eingesperrt im eigenen Land.»

Es war ein gewisser Lichtblick, dass unter den sechs Kandidaten bei der jüngsten Präsidentschaftswahl eine Frau dabei war: Louisa Hanoune von der linksextremen Arbeiterpartei, die in den 1980er Jahren vergeblich gegen das frauenfeindliche Familienrecht protestiert hatte. Die 55-Jährige kam in der von Betrugsvorwürfen überschatteten Wahl mit vier Prozent auf den zweiten Platz nach Amtsinhaber Abdelaziz Bouteflika. Hanoune zeigte sich zufrieden: «Wenn es dieses Mal nicht geklappt hat, dann eben bei der nächsten Wahl», meinte sie. Vorerst können die algerischen Frauen nicht mit wesentlichen politischen Änderungen rechnen, die ihre Lage verbessern.

iwi/iwe
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