Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Scheibchenweise schwindet der Schuttberg in Kölns Severinstraße, wo bis zum 3. März das Stadtarchiv stand. Nun sind Regalreihen aufgetaucht, denen Schutt und Grundwasser nichts anhaben konnten. Erfolgserlebnis einer Bergung, die schneller geht als erwartet.
1,2 Kilometer Quellen am Stück, unversehrt. Ein Glücksmoment für die Kölner Archivare, die um die Bestände ihres Stadtarchivs kämpfen. Wieder mal war am Freitag ein Scheibchen Geröll und Schutt abgetragen worden, und diesmal tat sich darunter der früher unter dem Lesesaal gelegene Bibliothekskeller auf: voll intakter Regalreihen.
Heute beginnen die Archivare, das Gefundene zu sichten und in eine der sechs Übergangsunterkünfte der Umgebung zu verfrachten, in denen das Stadtarchiv freie Regalmeter bestücken darf. Fest stehe schon, dass mit diesem Fund das Zeitungsarchiv der letzten 200 Jahre wieder da ist, auch die Rheinlandgeschichte und einige Nachlässe aus diesem Zeitraum, sagte der Sprecher des Kulturdezernats, Peter Schelenz.
Gut 17 der 30 Meter des Gesamtbestandes hätten sie damit aus den Trümmern gezogen, schätzt Schelenz. «Kein Mensch hätte Anfang März geglaubt, dass wir heute, am 20. April, schon so weit sind.» Insgesamt rechnet er damit, 65 bis 80 Prozent des Archivguts bergen zu können - «allerdings in ganz unterschiedlichem Zustand». Das beinhalte auch zerstörte, unleserliche Dokumente.
An dem zum Weidmarkt hin gelegenen Teil des Trümmerhaufens ist der Schutt nun bis zum Grundwasserspiegel abgetragen. Was dort drunter noch liegt und ob eventuell noch etwas zu retten sein könnte, weiß niemand. «Das müssen Sachen sein, die von oben nach unten gefallen sind, aber man sieht nichts. Das ist jetzt unsere nächste Aufgabe», kündigt Schelenz an.
Den ersten großen Fund hatten die Archivare gleich nach dem Einsturz sichern können, als rund vier Regalkilometer an der Rückseite des Gebäudes freigelegt wurden. Die mittelalterlichen Urkunden und Handschriften lagern bereits im historischen Archiv des Erzbistums Köln.
Alles, was die Arbeiter aus dem Schutt ziehen, geht sofort in die restauratorische Erstversorgung. Dort arbeiten 100 Restauratoren schnell, akribisch und ohne Rücksicht auf große Namen, damit den guten Stücken nichts weiter zustößt.
Deshalb hatten die Fotografen keine Chance, ein Foto von der Urkunde zu machen, die Heinrich Böll seinen Literaturnobelpreis attestiert: «Sie war am Dienstagnachmittag gefunden worden. Als die Medien am Donnerstag davon erfuhren, lag sie bereits gut verarztet im Magazin. Das zeigt die Effizienz unserer Arbeit, da verharrt keiner», schildert Schelenz. Eine Gewerbekarte aus dem 18. Jahrhundert sei da so wichtig wie Bölls Urkunde oder eine Handschrift aus dem 13. Jahrhundert.
Den Wert des verlorenen oder geborgenen Materials einzuschätzen, sei daher unmöglich. Man weiß auch nicht, was definitiv weg ist. Die Bergung wird vermutlich Ende Mai abgeschlossen sein, die Restaurierung jedoch noch Jahre oder Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Jetzt ein Studium als Papierrestaurator zu beginnen, sei durchaus zukunftsträchtig, scherzt Peter Schelenz.
Ein Blick nach Weimar zeigt, wie recht er hat. Nachdem im September 2004 die Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek brannte, arbeiten Restauratoren und Wiederbeschaffer weiter Stück für Stück an der Sicherung des gebliebenen und dem Neuerwerb des verlorenen Materials. Drei Viertel der 50.000 zerstörten Bände hofft die Klassik Stiftung Weimar wiederzubeschaffen - über Jahrzehnte hinweg. Beschädigt wurden durch Feuer und Löscharbeiten damals 118.000 Bände, von denen heute mehr als die Hälfte wieder nutzbar ist. Auch hier werden Restauratoren noch viele Jahre lang zu tun haben.
In Köln werden die erstversorgten Quellen und Bücher vorerst in Archiven der Umgebung wie dem des Erzbistums Köln oder dem Bundesarchiv St. Augustin untergebracht. Die Planungen für einen Neubau stehen derzeit hinten an. Pläne dafür gab es allerdings schon vor dem Einsturz, denn das alte Archiv war voll. Es war 1971 entstanden und sollte 30 Jahre vorhalten, erste Bestände waren bereits ausgelagert.
«Wir hatten das Konzept schon in trockenen Tüchern, auch Standorte vorgeschlagen», sagt Schelenz. Weitere 30 Jahre Köln sollte der Neubau ursprünglich unterbringen können. Nun wird er auch die Bestände aufnehmen müssen, die aus dem eingestürzten Archiv gerettet weren konnten.
ruk