Von Paolo Santalucia
Schule ist Normalität. Für viele Kinder eine ungeliebte, doch nach dem Erdbeben in Italien ist es für die Kleinen ein Gewinn, jeden Tag ihre Freunde zu sehen und auf andere Gedanken zu kommen. In einer Zeltstadt bei L'Aquila hat nun der Unterricht begonnen.
Rund 30 Kinder nahmen ihre drei «Klassenzimmer» in Augenschein, die in einem der großen, blauen Notzelte aufgebaut worden sind. «Ich bin glücklich», sagte eine Viertklässerin dem Reporter eines Fernsehsenders. Sie freue sich, wieder zur Schule zu gehen. «Ich habe meine Freunde und meine Lehrer vermisst.»
Den größten Teil des Lernstoffs hatten die Kinder bereits bewältigt, als das Beben am 6. April zuschlug und sich das Leben der Bewohner in der Abruzzen-Region von einer Sekunde auf die andere änderte. Doch mit der Rückkehr zum Unterricht wollen die Verantwortlichen den Kindern ein Stück Normalität inmitten des Chaos zurückgeben. «Das Zusammensein und Spielen mit anderen Kindern, das Spaß haben ist wichtig», erklärte die Lehrerin Liberata Marchi.
Einige Stühle in dem Schulzelt in Poggio Picenza, nur wenige Kilometer von der am schwersten betroffenen Stadt L'Aquila entfernt, bleiben jedoch leer. Zwei Kinder des Ortes verloren bei dem Beben ihr Leben, wie Bürgermeister Nicola Menna erklärt, der selbst in der Stadt aus blauen Zelten eine vorübergehende Bleibe gefunden hat.
Zur Schuleröffnung reiste aus Rom Bildungsministerin Mariastelle Gelmini an. Die Wiederaufnahme des Unterrichts sei ein kleines aber wichtiges Zeichen der Rückkehr zur Normalität und könne den Kindern helfen, das erlebte Leid zu überstehen. «Zu diesem Zeitpunkt geht es um mehr als nur das Lehren einzelner Fächer. Die Schule hat die Aufgabe, den Kindern beim Überwinden ihrer Traumata zu helfen.»
In mehreren Zeltstädten der schwer verwüsteten Abruzzen-Region wohnen etwa 33.000 der insgesamt 55.000 Bewohner, deren Häuser beschädigt wurden oder die sich aus Furcht vor neuen Beben nicht mehr in ihre Wohnungen zurücktrauen. Unter ihnen sind zahlreiche Kinder.
Bis alle Kinder im Erdbebengebiet wieder zur Schule gehen können, werde es noch eine Weile dauern, sagte der Direktor des Zivilschutzes, Guido Bertolaso. Kein Kind solle wegen des Bebens ein Schuljahr verlieren, betonte jedoch Bildungsministerin Gelmini.
Nach Schätzungen des Zivilschutzes werden 20.000 Menschen nicht in ihre schwer beschädigten Häuser zurückkehren können. Ihnen müssen die Behörden zumindest bis zum Sommer Unterkunft bieten.
Das Innenministerium schätzt die Kosten für den Wiederaufbau nach dem Beben auf mindestens zwölf Milliarden Euro. Das Beben der Stärke 6,3 hat mindestens 294 Menschen das Leben gekostet. Hunderte Gebäude wurden beschädigt oder völlig zerstört.
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