Leipzig gilt als Stadt der friedlichen
Revolution. Die dortigen Montagsdemonstrationen
legten einen Grundstein für den Mauerfall. 20
Jahre später will die Regierung dies mit einem
Denkmal würdigen. Aber die Leipziger wehren sich.
Eigentlich könnte alles so einfach sein mit dem Denkmal. Denn Orte des Erinnerns gibt es viele in der Stadt. Da ist die Nikolaikirche. Hier versammelten sich Bürger, die für Frieden beten, für ihre Rechte und für Freiheit kämpfen wollten. Da ist der Augustusplatz, der früher Karl-Max-Platz hieß. Von dort aus zogen die Protestierenden in Richtung Hauptbahnhof. Da ist die Runde Ecke. Früher Stasi-Zentrale, heute Gedenkstätte. Da ist das neue Rathaus. Da ist so viel, was an die Revolution von 1989 erinnert.
Allein den Bürgern scheinen Erinnerungen in Denkmalform nicht zu schmecken. Trotzdem wird schon lange über ein offizielles Denkmal diskutiert. «Orte sind dafür in der Stadt leicht zu finden», sagt Rainer Eckert. Der Historiker ist Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig. Die Stadt an sich sei ein Symbol für die friedliche Revolution, sagt er. Neben dem Denkmal ist ein weiteres Projekt geplant: Stelen sollen in der Stadt aufgestellt werden an zeitgeschichtlich relevanten Orten. 15 Stück insgesamt.
Das Zeitgeschichtliche Forum liegt im Leipziger Zentrum unweit der Nikolaikirche. Eckerts Büro ist im vierten Stock des Museums. Die Straßenmusikanten und das bunten Summen der Menschen dringen bis hier oben. Der Professor ist Wahlleipziger, kommt eigentlich aus Potsdam. Der Diskussionen um Denkmal oder Nicht-Denkmal ist er mittlerweile überdrüssig. Orte des Erinnerns seien wichtig, sagt er. Historisch Bedeutsames für die Nachwelt zu erhalten, sei keine Spielerei. «Gemeinsame Erinnerung schafft Identität», betont Eckert.
Im Falle Leipzig beziehe sich das nicht nur auf eine einzelne Stadt. Die Ereignisse tragen weiter. «Die Erinnerung an das Jahr 1989 ist wichtig für Deutschland, hatte Auswirkungen auf ganz Europa», befindet der Historiker. Der Begriff «zeitgeschichtlich relevanter Ort» umfasst für ihn noch mehr. «Das bezieht sich nicht nur auf einen konkreten Ort, sondern auch auf Ideelles», sagt Eckert. Sein persönlicher Augenmerk gilt dem Begriff «friedliche Revolution». «Die Menschen sprechen von der ‹Wende› und meinen damit eigentlich das, was nach den Protesten passierte», sagt er. Der Begriff «Wende» habe mit Leipzig nichts zu tun, «friedliche Revolution» sei das, was hier passierte.
Beharrlich versuchen Politiker, Historiker und Künstler derzeit, den Bürgern Leipzigs klar zu machen, dass der deutsche Bundestag ihnen ein Geschenk machen möchte mit dem Denkmal, für das fünf Millionen Euro bereit stehen. So zumindest formuliert Oberbürgermeister Burkhard Jung: «Das war eine Revolution ohne einen Tropfen Blut, das ist nahezu einzigartig.» In der Wahl des Standortes für ein Denkmal, in der Wahl der Form möchte die Stadt ihre Bürger einbeziehen. Politiker laden zu Diskussionen ein, fragen um die Meinung der Einzelnen, entwerfen Abstimmungsbögen.
«Ich habe für jeden Verständnis, der beim Begriff Denkmal stutzt, die Schuhsohlen qualmen noch vom demonstrieren», sagt der Politiker Gunter Weißgerber in einer Diskussion zum Freiheits- und Einheitsdenkmal im neuen Rathaus. Weißgerber ist Mitglied im Bundestag, er hat die sozialdemokratischen Partei in der DDR mitbegründet und die Leipziger Proteste hautnah miterlebt. Als vor zehn Jahren erstmals im Bundestag die Idee für ein Denkmal in Leipzig aufkam habe er sich gewehrt. Zu nah war das Ereignis, zu real und zu wenig Geschichte, sagt Weißgerber. Mittlerweile hat er sich mit dem Gedanken an ein Denkmal angefreundet. Erinnerung dürfe nicht verblassen.
Auch Tobias Hollitzer ist einer, der bewahren will. Er leitet die Runde Ecke, jene Gedenkstätte, in deren Gebäude früher die Leipziger Bezirksverwaltung für Staatssicherheit ihren Sitz hatte. Das Einzigartige dieser Revolution sei die Friedfertigkeit gewesen, betont Hollitzer. Historische Erinnerung brauche Symbole, sagt auch er.
Doch die Bürger bleiben skeptisch. Während die Leserbriefe in der Tageszeitung eher pure Ablehnung ausdrücken, zeigen sich die Menschen während einer Diskussion im neuen Rathaus kompromissbereit.
Freiheit könne das Denkmal getrost symbolisieren, Einheit nicht, die sei nicht da, sagen sie. Das Ziel sei nicht erreicht, viele der ehemaligen Demonstranten ginge es heute schlecht, die Arbeitslosigkeit sei hoch, so habe man sich das alles nicht vorgestellt, beschweren sie sich. Ein starres, monumentales Denkmal sei nicht passend, besser sei etwas dynamisches, ein Wasserlauf entlang des Innenstadt-Rings oder ein Zentrum zum Diskutieren, finden sie. Die Nikolaikirche und der Kirchhof strahlten bereits genug Erinnerungskraft aus, mehr brauche man nicht, trotzen sie.
Ein Denkmal befriedige die Großen, die Machthaber, einen Protest der Bürger könne es niemals wirklich symbolisieren, schimpfen sie. Eine Diskussionsteilnehmerin fragt: «Wie soll ein Symbol, ein Monument all dem gerecht werden, für was wir gekämpft haben und all dem, was wir durchgemacht haben? - Euphorie, Angst und dem Streben nach Freiheit?»
Der Schriftsteller Christoph Hein hat Leipzig einmal als «Stadt der Helden» betitelt. Jetzt haben die Helden Angst, im Angesicht eines Denkmals selbst in Vergessenheit zu geraten.
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