Wir fasten uns ran

47 Tage ohne EC-Karte

Das Problem mit dem Sinn

Von news.de-Redakteur Sebastian Haak

Das war sie nun also, meine Zeit ohne Kreditkarte und ohne Tiefkühlpizza. Schluss. Aus. Vorbei. Endlich. Dabei ist es entgegen anders lautender Gerüchte nicht so, dass ich Entzugserscheinungen hatte. Mein Problem über sieben Wochen hinweg war ein anders.

Nämlich: Mir ist bis zum Schluss nicht klar geworden, warum ich eigentlich auf mein Plastikgeld und auf meine tiefgekühlte Nahrung verzichtete habe. Ganz am Anfang, in der Euphorie des Augenblicks, da klang es noch anders: Man müsse verzichten, um zu erkennen, was einem im Leben wirklich etwas bedeutet, haben alle gesagt. Man müsse gewisse Dinge kurzzeitig aufgeben, um zu spüren, wie selbstverständlich sie für uns geworden sind, meinten andere. Und vor mehr als sieben Wochen, als die news.de-Fastenaktion langsam Gestalt annahm, da hörte sich das alles plausibel an. Aber währenddessen? Und nun?

Jedes Mal, wenn ich ohne meine EC-Karte an der Kasse stand und mir nicht sicher war, ob das Bargeld reichen würde, wurde mir klar, wie unsinnig diese frühen Denkmuster in meinem Fall waren und sind. Denn machen wir uns nichts vor: Das bargeldlose Zahlen gehört zum Leben im 21. Jahrhundert einfach dazu – ebenso wie Internet, Handys und das langsame Sterben der Zeitungen. Das war mir schon vorher klar. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Warum also darauf verzichten? Nicht ohne Grund hat sich diese Art des Zahlungsverkehrs etabliert. Sich dem total zu verweigern – und sei es auch nur für ein paar Wochen –, gleicht dem Versuch, das Rad der Geschichte bewusst und gegen alle Widerstände zurückzudrehen. So was geht nur selten gut.

Ähnliches gilt auch für Tiefkühlpizza. (Gerade komme ich mir ein wenig albern vor, eine solch quasi-philosophische Abhandlung an einer runden Teigscheibe mit Wurstbelag und Käse festzumachen.) Aus der Zeitnot moderner Gesellschaften heraus geboren, gibt es kaum gute Gründe, auf diese Form der Ernährung zu verzichten. Denn wem das Kochen nicht als Hobby oder Ablenkung dient, für den besteht kaum ein Anlass, sich stundenlang in die Küche zu stellen, wenn es doch nur um Nahrungsaufnahme geht.

Außerdem sichern tiefgekühlte Waren so kochuntalentierten Menschen wie mir wenigstens ein Mindestmaß an täglicher, warmer Nahrungszufuhr. Das Argument, dass das ganze Zeug ungesund sei, kann ich nicht gelten lassen. Denn was hindert den geneigten Tiefkühltruhenjäger denn, am Obststand Halt zu machen und dort für eine sinnvolle Nahrungsergänzung zu sorgen? Nichts.

So bleiben mir am Ende dieser Wochen zwei Einsichten, auf die ich zurückschauen kann und die dem Verzicht und der Aktion dann doch einen Hauch von Sinn geben. Die erste Einsicht bezieht sich direkt auf mich selbst. Sie lautet: So schnell werde ich nicht wieder fasten. Wenn überhaupt noch einmal in meinem Leben. Meine zweite kommt von der Beobachtung meiner Kollegen während all der Wochen: Menschen sind wirklich bereit, auf vieles zu verzichten und große Unannehmlichkeiten oder sogar Leid auf sich zu nehmen – wenn sie einen Sinn in ihrem Handeln erkennen. Menschen, die ohne Sinn verzichten, haben sich dem Gruppenzwang unterworfen – oder ihrer eigenen Disziplin.

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