Von William Kole
Mit den wichtigsten Habseligkeiten ziehen Erdbebenopfer auch ihre Kruzifixe aus den Trümmern. In den Abruzzen ist der Volksglaube lebendig, und viele Menschen suchen Trost beim Rosenkranz. Ostern wollen sie wegen der Tragödie nicht ausfallen lassen.
Bulldozer schieben vor der Anime-Sante-Kirche Trümmer beiseite. Die Kirche in L'Aquila hat ihre Kuppel eingebüßt. Im Schatten sitzt Marisa Giacomo zwischen Plastiktüten mit geretteten Habseligkeiten und lässt einen Rosenkranz durch die Finger gleiten. «Ich habe alles verloren, aber ich habe immer noch Gott», sagt sie gefasst.
Beim schwersten Erdbeben in Italien seit drei Jahrzehnten ist um sie herum alles zusammengefallen. Auch viele Kirchen sind nur noch Schutthaufen. Doch die Katholiken in L'Aquila und in den anderen betroffenen Orten halten fest am Glauben - und wollen trotz alledem das Osterfest feiern.
Die Abruzzen sind wie andere ländliche Regionen Italiens geprägt von einer tiefen Volksfrömmigkeit. Religion gehört zum Alltag. Das ist nach der Katastrophe nicht anders: Priester gehen durch die Zeltlager, wo Tausende Menschen Zuflucht gefunden haben, und spenden die Kommunion. In L'Aquila ist eine Messe für die Obdachlosen geplant. Und in Sulmona, bekannt für seine Passionsspiele, wollten sich die Einwohner nicht von ihrer Karfreitagsprozession abhalten lassen.
Papst Benedikt XVI. lobte bei seiner wöchentlichen Audienz am Mittwoch die Erdbebenhilfe als Beispiel, wie Solidarität helfen könne, auch die schwersten Prüfungen zu überstehen. «So bald wie möglich hoffe ich, euch zu besuchen», richtete er den Überlebenden aus. Das soll nach den Osterfeiertagen geschehen, wie Vatikansprecher Federico Lombardi sagte. Der Papst wolle die Arbeit der Katastrophenhelfer nicht stören.
Dass zu einer Abendandacht am Mittwoch im Ort Sant'Elia nur fünf Gläubige gekommen sind, mag eher daran liegen, dass sich die meisten Betroffenen in Zeltlager oder hinunter an die Adriaküste geflüchtet haben. «Es ist wichtig, in diesem Augenblick Jesus nahe zu sein», sagt Pfarrer Mauro Orru. Er hält den Gottesdienst im Freien ab, vor der St.-Lorenzo-Kirche mit ihren von Rissen durchzogenen Wänden.
Immer wieder brechen Menschen, die ihre Lieben verloren haben und das Dach über dem Kopf, bitterlich weinend zusammen und zweifeln an Gott. Doch die meisten finden unerschütterlich im Glauben eine Stütze. In dem Dorf Onna, wo 40 der 300 Einwohner bei den Beben umkamen, zogen Überlebende ihre Kruzifixe aus den Ruinen ihrer Häuser, sobald sie kurz Gelegenheit bekamen, das Wichtigste zu bergen.
Die Menschen in den Abruzzen sind schwere Zeiten gewohnt, das Leiden Christi hat für Gläubige wie Marisa Giacomo eine Bedeutung. «Dieses Leben ist nicht leicht. Aber es ist nicht das einzige Leben», sagte sie und meint ihre Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.
Viele Kirchen im Erdbebengebiet sind zerstört, Glockentürme umgestürzt, Kuppeln eingebrochen. Anderen Gotteshäusern wie der Santa-Margherita-Kirche ist von außen nichts anzusehen. «Es ist schon merkwürdig», findet der Katastrophenhelfer Enzo. «Genau wie mit den Menschen: Die einen sind gestorben, die anderen haben überlebt. Man könnte sagen, das war die Hand Gottes.»
iwi