Waisen in Afrika

Großfamilie statt Adoption

Von Eva Krafczyk

Spätestens seit Madonnas gescheiterter Adoption wissen wir: Es ist für afrikanische Waisenkinder nicht das Nonplusultra, in einer reichen Glitzerwelt aufzuwachsen. Kenia bringt statt dessen nun die Kinder in einheimischen Großfamilien unter.

Die neue Patchwork-Familie muss sich noch aneinander gewöhnen. Im Speisesaal eines Hotels in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba müht sich ein englisches Ehepaar damit ab, dem Nachwuchs den Gebrauch einer Gabel nahezubringen. Der etwa siebenjährige Junge mit dem milchkaffeebraunen Teint und großen Augen, die nun trotzig blicken, greift verständnislos weiter mit den Fingern ins Essen. Sein ungefähr drei Jahre alter kleiner Bruder, offenbar übermüdet und gestresst, fängt an zu weinen.

Zwischen den Adoptiveltern und ihren äthiopischen Kindern herrscht Sprach- und Verständnislosigkeit. Die Neu-Eltern tauschen verzweifelte Blicke - ganz offensichtlich haben sie sich das Familienleben einfacher vorgestellt.

Szenen wie diese können in den Touristenhotels von Addis regelmäßig beobachtet werden. Äthiopien ist bei Auslandsadoptionen nicht so restriktiv wie viele andere Länder der Region, und europäische und amerikanische Paare kommen in das bitterarme Land am Horn von Afrika, um sich hier ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Viele der Kinder sind Aids-Waisen, und nicht nur Popstar Madonna ist überzeugt, mit einer Adoption afrikanischen Kindern Gutes zu tun.

Die Kinderhilfsorganisation «Save the Children» hat Madonnas Vorhaben scharf kritisiert und darauf hingewiesen, dass die Kleine aus ihrer Kultur und Sprache gerissen und von den noch vorhandenen Angehörigen getrennt wird. Dabei blieb allerdings unerwähnt, dass viele Entwicklungshelfer selbst nicht ohne ein oder zwei afrikanische Adoptivkinder ihren Einsatz auf dem Kontinent beenden. In den beliebten Cafés oder Restaurants in Nairobi herrscht jedenfalls kein Mangel an weißen Paaren mit afrikanischen Adoptivkindern.

Die kenianische Familienministerin Esther Murugi hat nun den Startschuss für ein Programm gegeben, das 2,5 Millionen Kindern die Erziehung im Heim ersparen soll. Allerdings geht es nicht darum, Adoptiveltern zu finden, sondern Familienangehörige, bei denen die Kinder in einer normalen Umgebung aufwachsen können. «Kinder brauchen die Umgebung einer Familie, Heime sind keine Lösung», betonte sie.

Das Modell der afrikanischen Großfamilie kommt dieser Idee entgegen. Denn in der afrikanischen Gesellschaft gilt es als völlig normal, dass ein verwaistes Kind bei einer Tante, Oma oder anderen Verwandten aufwächst. Erst seit Aids in manchen Familien die gesamte mittlere Generation auslöschte und Großmütter mit der Ernährung von mehr als einem Dutzend Kinder oft völlig überfordert sind, endeten immer mehr Kinder in Heimen. Wenn den Familien jedoch finanziell geholfen wird, lassen sich für die Aids-Waisen Alternativen zum Heim ermöglichen.

Das ist auch der Ansatz der Kinderschutzorganisation «Wabe» in Addis Abeba. Sie unterstützt Pflegefamilien, die verwaiste Kinder aufnehmen - wenn keine Angehörigen zur Verfügung stehen. «Kinder lernen von ihrer Familie und den Älteren ihre Pflichten und Verantwortlichkeiten, aber auch den Umgang in der Gemeinschaft, Religion und Kultur», sagt der «Wabe»-Vorsitzende Mestika Negash. «Würden sie in einem Heim betreut, würde dieses Stück Erziehung in der Gemeinschaft wegfallen.»

iwi
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