Von Dana Micke
Der Beton bröckelt, der Stahl rostet, die Bilder sind verblasst und mit Graffiti beschmiert: Die East Side Gallery ist ein Sanierungsfall. Kani Alavi will das Mahnmal deutsch-deutscher Geschichte erhalten. Und musste dafür jahrelang Klinken putzen.
Nackter Beton. Rau fühlt er sich an. Nass. Kalt. Es ist zugig an diesem Morgen und nieselig in der Mühlenstraße zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke. Das richtige Wetter für einen Museumstag. Aber nicht hier. Denn die Ausstellung steht im Freien. Eine berühmt-berüchtigte Mauer. Das Ende der Welt bis zum Wendeherbst 1989.
Diese Mauer, einst Symbol für die Unterdrückung eines Volkes, wurde zur Projektionsfläche für die Träume jener Künstler, die sie im Frühjahr 1990 bemalten. Ihre Werke haben sich über den ganzen Globus verbreitet, man findet sie auf Postkarten oder T-Shirts. Echte Hingucker.
Den Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker zum Beispiel. Der Moskauer Künstler Dimitri Vrubel hat ihn nach einem Pressefoto von der Begegnung der beiden Staatschefs beim 30. Geburtstag der DDR auf die Mauer übertragen und die innige Geste mit einer Unterzeile konterkariert: «Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben.» Oder «Test the Best», so hat die Thüringerin Birgit Kinder ihr Bild genannt: Ein Trabi brettert mit Vollgas durch die Mauer.
Die Originale aber sind kaum wiederzuerkennen, fallen fast auseinander. Bröckelnde Erinnerung auf 1,3 Kilometern. Mit bunten Bildern, die abgeblättert, zugesprüht, vollgekritzelt sind. Trotzdem ein Touristenmagnet. Das wohl bekannteste Mauerstück, das in Deutschland noch steht, und eines der wenigen, die in Berlin überhaupt noch zu sehen sind. Denn so geschichtsträchtig die Stadt ist – vom alten Grenzwall ist nur noch wenig übrig. Auch deshalb lockt die Freiluftgalerie jedes Jahr über eine Million Besucher.
Sanft tasten Alavis Fingerspitzen über diese Mauer. Über sein Bild, das kurz nach der Öffnung der Berliner Grenze entstand. «Es geschah im November», so heißt das Werk. Der Perser gehört zu jenen 118 Künstlern aus 21 Ländern, die sich mit 105 Werken auf dem Mauerstück an der Mühlenstraße verewigt haben. «Wie im Rausch habe ich gemalt, was ich damals am Checkpoint Charlie sah – Tausende Menschen voller Hoffnung, aber auch voller Angst, ob die Mauer offen bleibt. Deutsche aus Ost und West fielen sich in die Arme», erinnert sich Alavi. Fast 20 Jahre ist das her. Doch in ihm haben sich die Impressionen von damals eingebrannt.
Die Mauer zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. 1980, nach dem Sturz von Schah Reza Pahlevi, kam er zum Kunststudium aus dem Iran nach Berlin. Er fand eine preisgünstige Wohnung am Checkpoint Charlie. Die Mauer begann direkt vor seiner Tür. Das hatte Symbolkraft: «Im Iran bin ich als Atheist ständig gegen eine unsichtbare Mauer gerannt, und in Berlin stand sie plötzlich direkt vor mir, 3,60 Meter hoch und aus Beton.»
Alavi hat von außen einen Blick auf Deutschland, und doch ist er mittendrin. «Auf der einen Hausseite hatten die Amerikaner mit der CIA einen Stützpunkt und schräg gegenüber die Sowjets mit dem KGB. Da habe ich mich immer beobachtet gefühlt.» Unheimlich. Pervers. Doch am 9. November 1989, als die Grenze in der Frontstadt sich öffnet, wird seine Wohnung im dritten Stock am Checkpoint Charlie zum Logenplatz der Geschichte.
Um die Eindrücke zu bewahren hat Alavi viel getan. 1996 gründete er die «Künstlerinitiative East Side Gallery». Später verklagte er die Bundesregierung auf Schadenersatz wegen Verletzung seiner Urheber- und Lizenzrechte verklagt: Eines seiner Bilder auf einem Mauerstück am Potsdamer Platz steht heute im Garten der Vereinten Nationen in New York. Ohne zu fragen, hatte es Bundestagspräsident Wolfgang Thierse Uno-Generalsekretär Kofi Annan geschenkt. 2007 verlor Alavi den Prozess vor dem Bundesgerichtshof. Jetzt liegt der Fall beim EU-Gerichtshof in Luxemburg.
Alavi wehrte sich auch gegen die O2-World. Um den Zugang zu der Multifunktionshalle mit 17.000 Plätzen und 100 Veranstaltungen im Jahr zu erleichtern, sollte ein 45 Meter breites Stück aus der East Side Gallery raus. Alavi zog dagegen vor Gericht - und scheiterte. Die Klage hat er inzwischen zurückgezogen. Die Arena ist längst gebaut, das riesige Loch wurde ins Denkmal gehackt und Alavi sitzt auf Prozesskosten von 40.000 Euro.
Ein Ausländer, der sich für den Erhalt dieses Stücks deutsch-deutscher Geschichte engagiert? Alavi lacht, beleidigt ist er über die Frage nicht. «Ich sehe mich nicht als Ausländer, sondern als Mensch, der an diesem Ort bereits lange lebt, das Umfeld reflektiert und eine neue Heimat gefunden hat.» Wurzeln, Traditionen, Identität – das sind für ihn unverzichtbare Werte. «Ich fühle mich mit dieser Gesellschaft, Deutschland und besonders Berlin verbunden», sagt er in perfektem Deutsch.
Aus der Wohnung am Checkpoint Charlie musste er 2005 raus. Räumungsklage. Heute lebt der 53-Jährige in einer großen, aber spärlich möblierten Altbauwohnung in Kreuzberg. Inmitten seiner expressionistischen Bilder. Ein Leben für die Kunst. Und die East Side Gallery. Um die zu bewahren, wird Alavi zum Quälgeist, spricht immer wieder persönlich bei den verantwortlichen Behörden vor. Schließlich mit Erfolg: Bund, Land, EU und Lottostiftung machen insgesamt 2,5 Millionen Euro für die Sanierung und Restaurierung der East Side Gallery locker.
Pünktlich zum 9. November 2009 soll der spektakuläre Mauerstreifen wieder aufgepeppt sein. Der brüchige Beton ist von einer Sanierungsfirma auf beiden Seiten der Mauer aufgestemmt, der Stahl gesäubert und neu beschichtet worden. Die Bilder sind abgeschlagen und sollen nun kopiert werden. Die Künstler müssen jetzt ran. Das ist nicht so einfach. 100 Maler hat Alavi aufgespürt – sechs sind verstorben und 13 weitere partout nicht aufzutreiben.
Für jene, die nicht kommen, springen andere Maler ein. Den Anfang hat der Russe Wjatscheslaw Schljachow gemacht. Extra aus Irkutsk angereist, hat er in vier Wochen sein 45 Meter langes Bild «Die Masken» neu aufgetragen, jetzt mit UV-beständigen Acrylfarben, darüber ein Graffitischutz – und zwar auf dem Mauerstück, dass gegenüber der O2-World-Arena entfernt worden war. Das steht jetzt neben dem Loch an der Rückseite der East-Side-Gallery.
Seit Montag geht es richtig zur Sache. Das Gros der Künstler ist nun vor Ort, die sich hier vor 20 Jahren verewigt haben. Vom 24. Mai bis 31. August findet direkt an der East Side Gallery eine 100-Tage-Vernissage statt: mit Künstlertreffs, Themenabenden, Lesungen und Musikveranstaltungen. Geschichte zum Anfassen.
Auch wenn alles wieder in kräftigen Farben leuchten wird, ist Alavis Werk aber noch nicht getan. Er träumt von einer Begegnungsstätte neben der East Side Gallery. Die soll die Geschichte dieses Mauerstreifens dokumentieren. Ein Treffpunkt für Künstler aus aller Welt, um Aktionen gegen die Mauern in anderen Ländern zu starten. Und wer soll das bezahlen? Die glitzernde O2-World? Kaum vorstellbar. Alavi lacht: «Träume sind Motivation, sind dazu da, dass man sie umsetzt.»
mik