Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Was der sperrige Begriff «Nachhaltigkeit» bedeutet, erfährt man am besten durch konkrete Projekte in Schulen und Vereinen. Die machen lebendig, was Politiker in Bonn auf der Unesco-Weltkonferenz zur nachhaltigen Bildung diskutieren.
Wenn Schüler sich an ihrem freien Tag eine Arbeit suchen und später selbst auswählen, welchem Entwicklungsprojekt sie ihren Lohn spenden, ist das nachhaltig. Auch junge Kreative, die Modelabels bei einer umwelt- und sozialverträglichen Herstellung beraten, handeln nachhaltig. Und Jugendliche, die durch deutsche Fußgängerzonen führen und erklären, welchen Weg die Dinge hinter sich haben, die wir unbedacht konsumieren, leisten ihren eigenen Beitrag zur Nachhaltigkeit.
Das sind drei Projekte, die in Deutschland die Unesco-Dekade zur «Bildung für Nachhaltige Entwicklung» widerspiegeln und das sperrige Schlagwort Nachhaltigkeit in Schwung bringen. Alle drei wurden von der Unesco ausgewählt und dürfen für je zwei Jahre das Label der Weltorganisation tragen. Für die UN-Dekade, die sich von 2005 bis 2014 «Bildung für nachhaltige Entwicklung» vorgenommen hat, verpflichten sich die Mitgliedstaaten, das Leitbild der zukunftsfähigen Entwicklung in Kindergärten, Schulen, beruflichen Bildungsstätten und Universitäten zu verankern. In Deutschland funktioniert das über die Dekade-Projekte, insgesamt 800.
Derzeit tagen in Bonn 50 Bildungsminister und 700 Delegierte aus der ganzen Welt. Es ist Halbzeit für die Unesco-Dekade, und sie diskutieren, wie sie ihrem globalen Ziel «Bildung für Alle» in den verbleibenden fünf Jahren noch näherkommen können. Bildung sei der entscheidende Schlüssel für Wohlstand und gesellschaftliche Entwicklung, betonte Bildungsministerin Annette Schavan bei der gestrigen Eröffnung der Weltkonferenz.
Noch immer haben weltweit 75 Millionen Kinder keine Möglichkeit zum Schulbesuch. Dies ändern die arbeitenden Schüler, kreativen Berater und bewussten Käufer zwar nicht direkt. Aber in jedem der lokalen Projekte lebt der Ansatz, sich seiner natürlichen und sozialen Umwelt bewusst zu werden, der sich, so der Gedanke, im Schneeballsystem ausbreiten könnte. «Lokales Handeln hat globale Folgen», formuliert es Schavan.
Zum Beispiel in Sachsen. Genialsozial heißt das Projekt der Sächsischen Jugendstiftung, bei dem die Schüler seit vier Jahren jeden Dienstag vor den Sommerferien zur Arbeit gehen. Arbeitgeber kann jeder sein, aber die Schüler müssen sich den Job selbst suchen: «Es ist für viele eine große Herausforderung, an Türen zu klopfen, an die sie noch nie geklopft haben. Dann müssen sie eine Sache so erklären, dass der andere sie versteht», erklärt Rüdiger Steinke, Geschäftsführer der Sächsischen Jugendstiftung, den Nutzen für die Jugendlichen. «Dadurch lernen sie auch, wie Wirtschaft funktioniert, und jedes Jahr finden Leute dadurch eine Lehrstelle», fügt er hinzu.
Und sie lernen, fundierte Entscheidungen zu treffen. Denn eine Schülerjury entscheidet selbst, welchen sächsischen Vereinen für Entwicklungszusammenarbeit sie die Spende anvertrauen. 20.000 Schüler haben jedes Jahr mitgemacht, 250.000 Euro damit erarbeitet. Die begünstigten Vereine sind verpflichtet, in Schulen ihre Projekte vorzustellen. 2006 unterstützten die Schüler ein Ausbildungszentrum für Indios in Guayana und erfuhren nebenbei etwas über die nachhaltige Nutzung des Regenwaldes.
Außerdem können die Schüler mit 30 Prozent des Geldes in ihrem eigenen Umfeld helfen. «An einer Schule haben sie einem behinderten Mädchen einen Stützstuhl gekauft, das ist praktische Solidaritätsarbeit. Oder eine stadtweite Knochenmarkspendenaktion angezettelt», sagt Rüdiger Steinke.
Um die Nachhaltigkeit in der Bildung weiter anzuschieben, will Bildungsministerin Annette Schavan in der zweiten Hälfte der Unesco-Dekade das hintergründige, nachhaltige Denken schon in der Aus- und Weiterbildung von Lehrer verankern. Den Ausbildungsgedanken haben der Niederländer Frans Prins und seine Kollegen im Verein Grass Routes aufgegriffen. Bei ihnen geht es ums Ganze, wie Prins betont. «Man kann Nachhaltigkeit nicht auf zwei oder drei Aspekte runterbrechen. Bei Qualität zum Beispiel denken in der Mode viele Leute nur, wie lange hält es. Aber es spielt die Fertigung der Materialien eine Rolle, kulturelle Aspekte, auch, was man damit ausdrückt, wenn man diese Kleidung trägt», erklärt er.
Da geht es beim Anbau der Baumwolle ebenso um die verwendeten Schadstoffe wie um die Arbeitsbedingungen und um Alternativen in der Produktion, ohne die Kosten in die Höhe zu treiben. Dass nachhaltig produzierte Mode teurer ist, liege vor allem an den noch kleinen Mengen und dem Innovationsaufwand. «Schnäppchenproduktion können wir allerdings nicht machen. Da ist ein Umdenken nötig, dass man eben keine T-Shirts für zwei Euro trägt», meint Prins. Er selbst kauft, seit er sich bewusst kleidet, einfach weniger.
Bei Grass Routes spielt im Hinblick auf die Produktion auch die internationale Zusammenarbeit eine Rolle. Auch die Staatsmänner sollen in der zweiten Dekade-Hälfte stärker zusammenarbeiten, forderte Nicholas Burnett, Unesco-Generaldirektor für Bildung, in Bonn. Schwerpunkt ist dabei vor allem der Austausch zwischen Industrie- und Schwellenländern.
Warum eine weltweite Zusammenarbeit notwendig ist, um Missstände auszuräumen, können die Jugendlichen erklären, die Stadtführungen zum globalen Konsum veranstalten. Was zum Beispiel ein Steak aus dem Kühlfach mit dem Anbau von gentechnisch verändertem Soja auf abgeholzten Regenwaldflächen zu tun hat, haben sie selbst recherchiert und geben es weiter. Sie hinterfragen kritisch und denken über Alternativen nach, ohne ihre Kunden mit einer Wertung zu bevormunden, erklärt Jochen Dallmer. Er hat mit dem Verein Janun aus Hannover die Idee der jungen Leute umgesetzt und inzwischen auf viele deutsche Fußgängerzonen ausgeweitet.
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