Von news.de-Redakteurin Mara Schneider
2001 wurde die Gebärdensprache in Deutschland gesetzlich anerkannt. Doch die Verständigung ist auch aufgrund zahlreicher Dialekte problematisch. Das erste Wörterbuch der Gebärdensprache soll einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung Gehörloser leisten.
Mit der Gebärdensprache verhält es sich wie mit jeder anderen Sprache auch. Jedes Land hat eine andere, und in jedem Land gibt es zahlreiche Dialekte und Mundarten. Das macht die Kommunikation untereinander manchmal recht schwierig. Doch wo sich die meisten Menschen sprichwörtlich «mit Händen und Füßen» zu helfen wissen, sind Gehörlose in der Tat auf ihre Hände angewiesen, um sich zu verständigen.
Das geht solange gut, wie die Betroffenen aus der gleichen Region stammen. Trifft aber beispielsweise ein Bayer auf einen Sachsen, ist oft guter Rat teuer. Denn ohne Dolmetscher geht dann manchmal kaum noch etwas, so unterschiedlich können die Gebärden sein. «Teilweise sind schon die Wochentage von Stadt zu Stadt verschieden», erklärt Susanne Günther-Wick, Vorsitzende des Bundesverbandes der Gebärdensprachdolmetscher Deutschlands (BGSD).
Um dem Problem entgegenzuwirken, gibt es ab sofort Das große Wörterbuch der Deutschen Gebärdensprache. Darin sind erstmals verschiedene Varianten der deutschen Gebärdensprache zu einer hochdeutschen zusammenführt. «Wir wollen damit natürlich nicht die Dialekte abschaffen», sagt Günther-Wick. Vielmehr soll das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte digitale Wörterbuch mit seinen 18.000 Videos einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Standardisierung und Dokumentation der Deutschen Gebärdensprache darstellen, heißt es in einer Pressemitteilung des BMBF.
So werde es möglich, alle hörgeschädigten Kinder künftig in einer einheitlichen Gebärdensprache zu unterrichten. «Es ist eine Grundlage, eine Basis, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat», befürwortet Günther-Wick das Lexikon. «Es ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zu mehr Chancengerechtigkeit in Bildung und Ausbildung für möglichst alle Menschen», sagte auch der Parlamentarische Staatssekretär Andreas Storm bei der Vorstellung des neuen Wörterbuches in Berlin.
So deckt der Wortschatz des Lexikons die gesamte Spanne vom Kindergarten über Schule und Ausbildung bis in die Arbeitswelt ab. Dazu kommen Alltagsbegriffe sowie Wörter aus den Bereichen Verkehr, Arztbesuche, soziale Beratung und Kirche bis hin zu Handwerk, Naturwissenschaft, Technik und Kultur. Zwar sei das Werk, das ab sofort auf DVD erhältlich ist, mit fast 100 Euro «nicht unbedingt für Privatpersonen erschwinglich». Aber es diene auf jeden Fall dazu, die Gebärdensprache zu verbreiten, sagt Günther-Wick. Das erleichtere Gehörlosen auf Dauer die soziale Eingliederung, sind sich Experten sicher.
Rund 80.000 Gehörlose gibt es in Deutschland. Noch sind sie in vielen Alltagssituationen benachteiligt. Selbst Arztbesuche oder Behördengänge stellen eine große Herausforderung dar. «Viele stellen sich das so einfach vor mit der Gebärdensprache. Aber dazu gehört wesentlich mehr als nur Bilder und Symbole zeigen.»
Wie Sprachforscher mittlerweile herausgefunden haben, folgt die Gebärdensprache ganz eigenen Gesetzen, hat selbst mit der Satzfolge und Gramamtik unserer Lautsprache wenig gemeinsam. Vielmehr geht es um Bewegungen, um Mimik, Gestik und Körperhaltung. Wie viele Zeichen es letztlich gibt, das weiß auch Susanne Günther-Wick nicht. «Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht», sagt die Vorsitzende des BGSD.
Während früher vor allem Angehörige bei Arztbesuchen und Behördengängen mehr oder weniger erfolgreich vermittelt haben, gibt es mittlerweile ausgebildete Gebärdensprachdolmetscher, die sich in solchen Situationen auch mit Fachbegriffen auskennen. Auf diese können Gehörlose heutzutage zurückgreifen, die Kosten müssen in den meisten Fällen die Krankenkassen übernehmen. Voraussetzung dafür war die gesetzliche Anerkennung der Gebärdensprache als eigenständige Sprache. In Deutschland war das 2001 der Fall. «Seitdem hat sich viel getan», freut sich Susanne Günther-Wick.
Wer einen Gebärdensprachdolmetscher braucht, wendet sich an eine Vermittlungsstelle wie den BGSD. Das funktioniert per Fax, E-Mail oder SMS. Jeder Gehörlose hat dabei ein Wahlrecht und kann sich einen Dolmetscher aussuchen. Schließlich sei gerade ein Arztbesuch ein sehr sensibles Thema, weiß Günther-Wick aus Erfahrung. Auch sie hat in ihrem privaten Umfeld Menschen, die sich nur mit Hilfe der Gebärdensprache verständigen können. Deshalb sei sie beim BGSD gelandet, sagt die Vorsitzende.
Bundesweit gibt es mittlerweile rund 500 Gebärdensprachdolmetscher. Pro Stunde kostet ihr Einsatz zwischen 40 und 55 Euro – und in Einzelfällen müssen Gehörlose die Kosten noch immer selbst tragen. «Wenn eine gehörlose Mutter zum Beispiel auf einen Elternabend ihres hörenden Kindes geht, dann muss sie den Dolmetscher in einigen Bundesländern immer noch selbst bezahlen», kritisiert Günther-Wick.
Als Vorreiter in Sachen Gebärdensprache gelten übrigens die skandinavischen Länder und die USA, wo Gebärdensprache seit Jahren an vielen Schulen unterrichtet wird. Die American Sign Language (ASL), so die offizielle Bezeichnung, wird mittlerweile auch in Kanada, einigen karibischen Inseln sowie zahlreichen afrikanischen Ländern verwendet und gewinnt auch auf internationalem Parkett immer mehr an Bedeutung. So studieren immer mehr gehörlose Akademiker in den USA und verständigen sich mit Hilfe der ASL.
Und obwohl es in Deutschland noch einiges zu verbessern gilt, sei die Bundesrepublik im internationalen Vergleich auf einem guten Stand, freut sich Günther-Wick. Und mit dem Wörterbuch der Deutschen Gebärdensprache sei ein weiterer Schritt getan, das Leben der Gehörlosen zu vereinfachen.
«Das große Wörterbuch der Deutschen Gebärdensprache» ist ab April 2009 für 96,95 Euro auf DVD-Rom im Handel erhältlich.
ruk