Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Für viele Schulabgänger aus Westdeutschland ist der Osten noch ganz schön weit weg. Die Kampagne «Studieren in Fernost» soll ihnen nun die gut funktionierenden Unis in den neuen Ländern schmackhaft machen. Denn dort droht der Studentenschwund.
Verwirrte Asiaten mit großen Brillen. Das ist das Gesicht von Studieren in Fernost, einer Website, die westdeutsche Studenten an ostdeutsche Universitäten locken soll. Die Berliner Werbeagentur Scholz & Friends hat bei der Konzipierung der Seite mit einem Klischee gespielt, dass offenbar in vielen angehenden Studenten aus Westdeutschland noch präsent ist: Der Osten ist komisch.
Entsprechend komisch ist auch die Internetseite. Erst wenn der angehende Student sich über das schreiende Design hinweggesetzt und die mehrdeutigen Anreißer-Texte überlesen hat, wird ihm langsam klar: Hier geht es um Studieren in den neuen Bundesländern - da, wo mal die DDR war.
Denn Fakt ist: Den ostdeutschen Universitäten droht der Studentenschwund. Es wurden wenig Kinder geboren nach der Wende, das macht sich nun an den Universitäten bemerkbar. Zugleich gab es im Westen mehr Kinder, und die Studierendenzahlen werden gründlich ansteigen – 275.000 neue Plätze würden bis 2020 gebraucht, das ist der Kurs des Bildungsministeriums.
Der Hochschulpakt zwischen Bildungsministerium und Ländern soll es richten, und der hat auch die Hochschulkampagne Ost hervorgebracht, mit dem Ziel, den Osten schmackhaft zu machen. Am 23. April startet «Studieren in Fernost» offiziell, am Donnerstag wird Scholz & Friends eine Studiensuchmaschine installieren, mit der direkt nach Studiengängen an ostdeutschen Unis gesucht werden kann. «Der Studentenberg im Westen soll das Studentental im Osten ausgleichen», erklärt Martin Winter vom Institut für Hochschulforschung (Hof) in Wittenberg, das dieKampagne fachlich begleitet hat.
«Das ist so natürlich eine Milchmädchenrechnung», schränkt er ein. Tatsächlich gehe es darum, zwei Trends umzudrehen: Die meisten Abiturienten neigen dazu, einen Studienplatz in Heimatnähe zu suchen. Dazu kommt, dass derzeit deutlich mehr ostdeutsche Studenten an westdeutschen Unis studieren als umgekehrt.
Dass die Ost-Hochschulen eine Kampagne brauchen, liegt sicher nicht an ihrer Qualität. Was die Seite «Studieren in Fernost» mit ihrem Slogan «Studiere im Osten und du wirst nicht in der Masse untergehen» propagiert, basiert auf handfesten Fakten. Neue Umfrageergebnisse des Hochschul-Informations-Systems (His) in Hannover haben nicht zum ersten Mal gezeigt: Studenten in Ostdeutschland schätzen ihre Studienbedingungen besser ein als ihre Kommilitonen im Westen. Das liegt auch, aber nicht nur daran, dass es in Ostdeutschland keine allgemeinen Studiengebühren gibt.
30.000 Studierende an 150 Hochschulen hat His befragt. Zwei Drittel der Ost-Studenten sind zufrieden mit den Bedingungen an ihren Unis, im Westen nur die Hälfte. Bei der Ausstattung vergeben 66 Prozent der Studenten in Ostdeutschland gute Noten, im Westen nur 47 Prozent. Ostunis profitieren davon, dass nach 1990 vieles erneuert wurde: So mancher Polylux wurde direkt durch einen Beamer ersetzt. Zudem wird die Betreuung durch das Dozent-Teilnehmer-Verhältnis in Veranstaltungen an ostdeutschen Hochschulen besser eingestuft. Und auch beim Service punkten die neuen Länder: Deutlich mehr Studenten sind mit der Studienberatung zufrieden.
Wie das in der Praxis aussieht, erklärt Helmut Weiß, Prorektor für Planung und Haushalt an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. «Wenn ein Abiturient sich fürs Studium bewirbt, wartet er auf Antwort. Wenn die nach acht Wochen eintrifft, hat er sich anders entschieden. Wer sich bei uns für ein zulassungsfreies Studium bewirbt, an den wird am nächsten Tag die Zusage geschickt. Zusammen mit einem Schreiben des Dekans, der versichert, dass er sich auf den neuen Studenten freut.»
Viele ostdeutsche Universitäten bieten auch sehr spezielle oder sogar einzigartige Studiengänge an. So kann man sich in Magdeburg in Sicherheit und Gefahrenabwehr ausbilden, in Halle Nahoststudien belegen oder Regenerative Energien in Nordhausen.
Studenten, die sich für diese Studiengänge interessieren, bilden einen der drei Typen, die Martin Winter und Viola Herrmann vom Hof in Wittenberg herausgearbeitet haben. Bei einer Befragung westdeutscher Studenten, die bereits zwecks Studium in den Osten gekommen sind, kristallisierten sich «die Mobilen», «die Rückkehrer» und «die Ambivalenten» heraus.
«Bei den Mobilen steht die Fachwahl sehr weit oben, sie entscheiden rational. Das Ost-West-Thema ist für sie nicht so bedeutend», erläutert Winter. Die Rückkehrer seien junge Leute, die im Osten geboren wurden, dann aber mit ihrer Familie in den Westen übersiedelten. «Sie wollten gerne nach Ostdeutschland zurück», ordnet Winter ein.
Die Zielgruppe, die auf eine Kampagne ansprechen könnten, sind insbesondere die Mobilen und die Ambivalenten. «Die Ambivalenten studieren Standardfächer und haben an ihrer gewünschten Hochschule keinen Platz bekommen, dafür aber in Ostdeutschland», beschreibt Winter das Profil. Sie fühlten sich am neuen Hochschulort ein bisschen fremd, neigten dazu, sich mit West-Kommilitonen zusammenzutun. «Interessant ist, dass sie einerseits behaupten, die ständigen Ost-West-Vergleiche seien überholt, andererseits Unterschiede und Gemeinsamkeiten thematisieren», hat Martin Winter festgestellt.
Wie es an den Ostuniversitäten aussehen kann, wenn die Kampagne Erfolg hat, zeigen die Bemühungen der Uni Magdeburg. Noch vor zehn Jahren drohte die Zahl der Studierenden unter 5500 zu sinken, inzwischen sind es über 13.000. Die Universität fährt damit sogar Überlast.
Was Magdeburg aus eigenem Antrieb geschafft hat, soll nun die Hochschulkampagne Ost übernehmen. «Wir sind der Überzeugung, dass diese Infos in Westdeutschland noch nicht angekommen sind», sagt Winter. Also weniger Vorbehalte, sondern eher ein Informationsdefizit?
Eine andere Studie des His hat ergeben, dass sich Abiturienten vor allem im Internet zu den Universitäten informieren. Sie werden jetzt auf Asiaten mit großen Brillen treffen. Und hoffentlich weiter nach unten scrollen.
ruk
Der Osten ist für Westdeutsche nicht Fernost, sondern NAHOST! Kein Wort darüber, dass man die Hochschulen im Osten ohne Sinn und Verstand mit hunderten von Millionen aus- und hochgerüstet hat. Nett umschrieben heißt das oben im Text doch: in "kleinen Gruppen studieren", weil einfach NIEMAND da ist und hin will in die Pampa. Ich sage dazu nur eins: Es lebe die Ratinger Straße in der Düsseldorfer Altstadt! Was soll ich am Ende der Welt!?
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