Jahrelang jagte die Polizei eine Kriminelle, die nie existierte. Nachdem bekannt wurde, dass die DNA-Reste auf einem Wattestäbchen nicht von einer Mörderin stammen, geraten Ermittler und Politiker in Erklärungsnot. Auch die Frage nach Konsequenzen stellt sich.
Die Panne bei der Fahndung nach dem Phantom von Heilbronn setzt alle Beteiligten unter Druck. Während Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) ankündigte, «alle Daten und Fakten» auf den Tisch zu legen, fordern Ermittler endlich Qualitätsstandards für DNA-Tests.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sieht in dem Ermittlungsdesaster zunächst einmal keinen Anlass dafür, am genetischen Fingerabdruck als Beweismittel zu zweifeln: «Die DNA-Spur identifiziert eine Person, sagt aber nicht, was die Person getan hat. Das wird ja durch diesen Fall geradezu bestätigt», sagte Schäuble.
Seit Freitag steht fest, dass die Polizei jahrelang einer Kriminellen nachgejagt ist, die nachweislich nie existiert hat. Die Gen-Spur, die unter anderem nach dem Mord an einer Polizistin in Heilbronn vor knapp zwei Jahren gefunden worden war, stammt nicht von einer Mörderin, sondern von einer Arbeiterin eines bayerischen Betriebes. Die Frau war mit den Wattestäbchen in Berührung gekommen. In den vergangenen acht Jahren war mit den verunreinigten Stäbchen an unterschiedlichen Tatorten Gen-Material gesichert worden.
Ermittler und Politiker stehen vor der Frage, welche Konsequenzen die Panne nach sich zieht. Innenminister Rech kündigte an, die Ermittlungsarbeit seiner Polizei von einem Qualitätsmanager unter die Lupe nehmen zu lassen.
Kriminalbeamte verlangten unterdessen Qualitätsstandards für DNA-Tests. Da genetische Fingerabdrücke inzwischen für die Verbrecherjagd von zentraler Bedeutung seien, müsse das Risiko sogenannter Trugspuren unbedingt minimiert werden, sagte der Landeschef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Manfred Klumpp.
Die DNA-Analyse-Methoden des Stuttgarter Landeskriminalamts (LKA) sind nach Angaben eines Experten noch nicht auf die Einhaltung internationaler Standards geprüft worden. Das durch die Phantom-Panne in die Kritik geratene Kriminaltechnische Institut in Stuttgart sei von der staatlichen Akkreditierungsstelle in Hannover dafür noch nicht begutachtet worden, sagte Frank Salchow, Mitglied im dortigen Leitungsteam.
Nach Angaben der Polizei hat die falsche DNA-Spur die Ermittlungen bei der Suche nach dem Mörder der Polizistin in Heilbronn nicht wesentlich zurückgeworfen. Von bislang rund 3700 Hinweisen zu der Tat vor knapp zwei Jahren seien noch mehrere hundert in Bearbeitung, sagte der Leiter der Sonderkommission, Frank Huber, in Stuttgart. «Wir haben nach wie vor sehr viele Ansätze. Wir fangen nicht von Null an», betonte er. Die Experten verfolgten auch «Bezüge zu kriminellen Banden und der organisierten Kriminalität». Trotzdem seien die Ermittler von der Panne auch emotional stark getroffen.
Keine Angaben machte das LKA Stuttgart bisher zur Frage, wie genau die Wattestäbchen zur Spurensicherung verunreinigt wurden. Wie und warum nur die Spuren einer Mitarbeiterin an die Proben kamen, könne er nicht sagen, betonte der Geschäftsführer des oberfränkischen Kunststoffunternehmens Böhm (Tettnang), Lutz Unger. Er wisse nicht einmal, um welche Mitarbeiterin es sich handelt. «Der Name ist uns nicht bekannt.»
hav/jek