In einem offenen Brief haben die Eltern von fünf beim Amoklauf in Winnenden getöteten Schülerinnen die Politik zum Handeln aufgefordert. Sie verlangen eine Verschärfung des Waffenrechts und ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen.
Anderthalb Wochen nach dem Amoklauf mit 16 Toten findet heute Vormittag in Winnenden eine zentrale Trauerfeier statt. Zehntausende Menschen haben sich bereits auf den Weg gemacht. Die Polizei erwartet bis zu 100.000 Trauergäste in Winnenden und Umgebung. Um ein Verkehrschaos zu verhindern, wurden bereits zahlreiche Straßen abgesperrt. Der Gottesdienst ab 11 Uhr mit dem evangelischen Bischof Frank Otfried July und dem katholischen Bischof Gebhard Fürst wird von der ARD übertragen.
In einem offenen Brief appellierten unterdessen mehrere Opferfamilien an die Politik, unter anderem den Zugang für Jugendliche zu Waffen zu erschweren. Das an Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger gerichtete Schreiben ist auf der Titelseite der Winnender Zeitung abgedruckt.
«(...) die Trauer und die Verzweiflung nach dem Verlust geliebter Kinder (...) sind noch überall gegenwärtig. (...) Der Gedanke, warum es ausgerechnet unsere Liebsten getroffen hat, und wie es überhaupt zu dieser Tat kommen konnte, wird uns unser Leben lang begleiten. (...).»
Nun müsse sich etwas ändern in der Gesellschaft, heißt es weiter. «Wir wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann.» Von der Politik verlangen sie, den Zugang für Jugendliche zu Waffen zu erschweren, Gewaltdarstellungen im Fernsehen einzuschränken, Killerspiele zu verbieten und den Jugendschutz im Internet auszubauen.
«Die derzeitige gesetzliche Regelung ermöglicht die Ausbildung an einer großkalibrigen Pistole bereits ab dem 14. Lebensjahr. Bedenkt man, dass ein junger Mensch gerade in dieser Zeit durch die Pubertät mit sich selbst beschäftigt und häufig im Unreinen ist, so ist die Heraufsetzung der Altersgrenze auf 21 Jahre unerlässlich.»
Zudem müsse der Gesetzgeber Verstöße gegen das geltende Waffenrecht deutlicher und stärker ahnden. Mit den bisherigen Ordnungsdelikten würden es viele als Kavaliersdelikt ansehen, wenn beispielsweise Waffen nicht ordnungsgemäßg verschlossen sind.
Und die Hinterbliebenen appelieren an die Medien, mit einer eingeschränkten Berichterstattung die «Heroisierung des Täters» zu vermeiden. «Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten.»
Vor dem Haus der Familie des Amokläufers Tim K. in Leutenbach-Weiler zum Stein haben Unbekannte derweil rund ein Dutzend Kerzen abgestellt. Auch eine weiße Rose und ein paar Narzissen lagen heute Morgen dort, daneben zwei Zettel. Der eine stammt offenbar von einem ehemaligen Vertrauten des Jugendlichen.
«Hallo Tim, Deine abgrundtiefe Verzweiflung macht mich so unendlich traurig! Ich hätte Dir doch auch weiterhin versucht zu helfen, wenn Du Hilfe bei mir gesucht hättest. Du warst so sehr alleine und nun hast Du alle, die Dich gerne haben, alleine gelassen. Es war sehr schön, dass Du mir immer wieder gezeigt hast, dass Du Vertrauen zu mir hast, und ich habe Dir vertraut. Egal was geschehen ist, Du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben. Farewell and rest in peace. (Leb wohl und ruh in Frieden)»
Das Elternhaus von Tim K. wirkt verlassen, es wird von Polizeibeamten bewacht. Die Eltern wohnen seit dem Amoklauf nicht mehr dort. Dennoch gingen um 8.45 Uhr die Rollos hoch - offensichtlich per Zeitschaltuhr.
mas